Die allseits beliebte Homepage Leon Haardts Lonely Hearts Club bietet einen multimedialen Marktplatz für alles Überflüssige, Sinnlose, Irr- und Surreale, grenzt sich aber kategorisch ab von wirren Irren, entrückten Verrückten und gefloppten Bekloppten.

 Erbrochenes 

Die Leon-Haardt-Memoiren -

ein Analfabet der Erinnerungen

Die vom Selbstdarsteller und Möchtegern-Schauspieler, Autor und Allroundkünstler, Vespafahrer und Golfspieler Leon Haardt von der Oberhaardt geschriebene Biografie, die in Auszügen hier, auf seiner ureigenen Homepage, abgedruckt wird, ist schonungslos und brandaktuell. Die ungekürzte Erstausgabe wurde 2007 im RAEV, dem Rollix AutoEdit Verlag in Berlin-Wilmersdorf, mit freundlicher Unterstützung des Flo-Dra-Rem e.V., des Vereins für Floristik, Dramaturgie und Reminiszenz, veröffenlicht. Alle Rechte liegen bei der Rolli-GmbH & Ich-AG, für deren Entgegenkommen, auch bezüglich des Abdrucks auf der Multimediahomepage Komparseria, wir uns ausdrücklich bedanken. Und nun allen Ratten viel Spaß beim Lesen!

Dieses Buch widme ich Kali  

 

+ dem Sinnbild weiblicher Erotik + der Zerstörerin der Illusionen + der Göttin der Erneuerung & Transformation + der magischen Erlöserin

Leon B. Haardt

 Vorwort 

Leon B. Haardt ist nicht nur Meister des geschriebenen Worts, sondern auch des Motorsports, Theatersports und des Verschwindibus. So ist es nichts Ungewöhnliches, wenn er als Tauchsportler monatelang untertaucht. Da er meistens mit umfangreichen Aufzeichnungen wieder auftaucht, ist es dem Verlag möglich, in unregelmäßigen Abständen exklusiv seine Erlebnisse und Fiktionen zu veröffentlichen. Bisher sind von L. B. Haardt im RAEV erschienen: Theater - richtiges Theater (1999); Studienrat Ratlos (2000); Golf: das Runde muss ins Runde (2001); Sammelsurium des Überlebens (2002); Das Antikochbuch (2003); Panoptikum des kalten Grauens (2004); Die Nagualtherapie (2005); Der Komparse - das unbekannte Wesen (2006); Der weingebildete Kranke (2007); Erbrochenes - die Memoiren eines Selbstdarstellers und Möchtergern-Schauspielers (2008). Außerdem sind 2008 im RAEV bisher erschienen: Leander Haardt: Das große Buch vom Bau - Um-, An-, Ein-, Auf- & Abbau (mit der Hörbuch-CD-ROM "Einsitzen"); Wanda Haardt: Nichts wie weg - die Enzyklopädie des Nichts; Dawamar Haardt: Kann ni't - is' lahm - der Ayatollah in der Sperlingsgasse; Humpen Stein-Haardt: Sei Gut Zu Vögeln - Schluckspechte unter sich; Ponterosa Haardt: Ich komme - Geheimnisse unter der Bettdecke; Moritz Oberhaardt: Elwedridsche - die unbekannten Wesen aus der Pfalz; Margina L. Haardt: Verhohne-People - eine verspottete Randgruppe. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern ein frohes Gauklerfest und laden ein zum nächsten Lachmuskel-Trainingskurs Ende Trottuar auf der Galgenhöhe. Mitzubringen sind Galgenhumor und Paternoster-Stiefel.

 Herzlichst Ihr Bruce T. B. Haardt                                                     Berlin, im August 2008 

Einleitung

Mit den Erinnerungen hat es so seine eigene Bewandtnis oder - um es in der Fußballersprache zu formulieren: Memoiren haben ihre eigenen Gesetze. Es scheint ein allzu menschlicher Wesenszug zu sein, die Vergangenheit schön zu färben, die eigene Person in den Mittelpunkt und ins rechte Licht zu rücken, sich möglichst keine Blöße zu geben und die Dummheiten und Niederlagen zu vergessen. Erfolge, echte und vermeintliche, dagegen erfahren mit der Zeit eine exponentielle Übertreibung. "Das ist auch gut so", werden manche denken, wer will schon die nackte Wahrheit hören oder lesen: entweder ist sie zu grausam oder zu langweilig. Kleine Schummeleien sind quasi das Salz in der Suppe, bleiben unbemerkt und verleiten zum weiterlesen. Diesen dramaturgischen Gesetzmäßigkeiten werde auch ich meine Ausführungen unterordnen. Aber auch die Wahrheit soll nicht zu kurz kommen. Wenn ich Namen weggelassen habe, dann nur, weil sie mir nicht mehr eingefallen sind. Jedoch hoffe ich, keinem der Überlebenden zu schmerzhaft auf den Schlips bzw. die Füße zu treten. Ansonsten sage ich: "Verzeitung, äh: Verzweiflung!

Leon B. Haardt - Wilmersdorf, im Februar 2008

Leserbriefe

Daraus geht hervor, dass Ihre diesbezüglichen Unterstellungen [mein Ururgroßvater - Gott hab ihn selig - hätte seinen Meister erschlagen] völlig haltlos, frei erfunden und geschäftsschädigend sind. Sollten Sie nicht nach Canossa gehen, widerrufen und die entsprechenden Textstellen in Ihrem Lügenbuch unverzüglich schwärzen, können Sie mit einer kostspieligen Klage [mit Gerichtsstand in den USA!] durch meine gnadenlosen Anwälte rechnen! Tom A. Hawk [Toronto]

Als Du noch "Rolf" geheißen hast und wir Dich Phips genannt haben, kamst Du mir natürlicher vor. ... Und warum bist du vor 15 Jahren zu unserer fünfundzwanzigjährigen Abi-Feier nicht gekommen? Schade, wir hätten Dich gerne mal live gesehen, statt immer nur in Fernsehserien oder in irgendwelchen langweiligen Spielfilmen. Ich bin inzwischen geschieden und heiße wieder Frühling. Gruß Elke (handschriftlich)

Als ich dein Buch im Buchladen in die Hand nehme, denke ich: "Ich glaube, meine Oma tanzt mit Elvis." Habe mich kaputt gelacht über Deine Sprüche vom Bund. Die meisten benutzte ich heute noch. Auf dem Gruppenfoto bin ich auch drauf: genau hinter Dir. Falls Du Dich nicht mehr erinnerst: ein Foto mit den vollständigen Namen liegt bei. Zu Oli Zement ("Elasti") habe ich noch Kontakt. Er wohnt im Nachbarort (Neuendettelsau) und lässt Dich grüßen. Ich bin übrigens zum Bund zurückgekehrt, als es mit dem Medizinstudium nicht geklappt hat. Vielleicht schreibe ich auch mal meine Memoiren. Einen Titel hab ich schon: "Ich glaub, mein Panzer humpelt." Wie findest Du das? Halt die Ohren steif!  Oberst in Ruhe Günter Blinder

... und ich aus diesem verständlichen Grund das Buch nur diagonal lesen konnte. Dennoch erlaube ich mir das Urteil, dass die Memoiren unter belletristischen und sprachlichen Gesichtspunkten, auch wegen des viel zu häufigen Gebrauchs des Wortes "ich" und zahlreicher anderer Wortwiederholungen, nur mit "befriedigend" bewertet werden können. (...) ich auch bemängeln muss, dass Sie stilistisch zwischen Seriosität und Satire hin und her pendeln. (...) wäre es in diesem Fall daher besser gewesen, das Alphabet auf 13 Buchstaben zu reduzieren.  
Mit freundlichen Grüßen Pornola Qumist (Einschreiben der Vorsitzenden der Initiative RGS [Rettet Goethes Sprache])  

Wenn wir zurückdenken und Deinen fürchterlichen pfälzischen Dialekt, Deinen restringierten Code und Deine unbeholfene, vulgäre Wortwahl erinnern, können wir uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass mehr als 10% der Formulierungen auf Deinem Mist gewachsen sind.

Herzlichst Deine zwei Verflossenen Donna und Doria (handschriftlich

Im Elternhaus und außerhalb

"Auto" soll das erste Wort gewesen sein, das ich artikuliert habe. Haben mich etwa schon als Kleinkind Gebrauchsartikel mehr interessiert als Mitmenschen? Als mich meine Mutter in den Kindergarten stecken wollte, bin ich nach kürzester Zeit davon und nach Hause gerannt. Ab und zu besuchte ich ein paar Häuser weiter eineTante, bei der es immer irgendwelche Leckereien gab. Wenn bloß dieser widerliche kleine, schwarze Kläffköter nicht gewesen wäre! So stand ich wie versteinert am Hoftor und habe bibbernd "Tante Käthe" gerufen, bis Frauchen die Lage bereinigt hatte. Meine Mutter erzählte mir, ich hätte schon mit vier Jahren mit der “Rheinpfalz”, unserer abonnierten Tageszeitung, am Küchentisch gesessen und so getan, als könne ich sie lesen. Da hat sich schon sehr früh mein schauspielerisches Talent herauskristallisiert.

 Ich war Teil einer Bauernfamilie mit Weinbau, Ackerbau und Viehzucht. Der ein halbes Jahr lang gemästeten Sau ging es im November an den Kragen. Mit einem Schlagbolzen an der Schläfe wurde das vor Todesangst quietschende Haustier ins Jenseits befördert. Nach einem Bad im heißen Wasser wurden die Borsten abgehobelt. Dann wurde es aufgehängt und in seine Bestandteile zerlegt. Zum Glück war ich meistens in der Schule! Gegen Mittag - das Gemetzel war beendet - kamen die ersten Produkte des Schlachtfestes auf den Esstisch: Metzelsuppe war zwar nicht so mein Ding, dafür aber Bratwurst mit Krummbeerbrei und Sauerkraut um so mehr. Einmal habe ich in der Fassnachtszeit (wie Weinfass) einen “Kracher”, dessen Lunte nicht zünden wollte, wieder in die Tasche gesteckt. Er hat es sich dann doch noch überlegt und die Knallfrösche gleich mit entzündet. Als ich mitten "in der Stadt" spontan einen Veitstanz aufführte, hat sich mein Kumpel totgelacht - armer Kerl. Meine Jacke war ruiniert.

Die Vorderpfalz war meine Heimat. Sie wird von der Haardt eingenommen, einem schmalen Hügelland zwischen dem Ostrand des Pfälzerwaldes und dem Oberrheingraben. Hier schlängelt sich die Deutsche Weinstraße auf einer Länge von insgesamt 85 Kilometern durch die Weinberge. Mit jährlich über 1800 Sonnenstunden hat die Oberhaardt ein fast mediterranes Klima, mitunter wird die Gegend sogar als „Toskana Deutschlands“ bezeichnet. Infolge dieses milden Klimas gedeihen hier im Freiland nicht nur Reben, sondern auch Feigen, Kiwis, Zitronen und Esskastanien. In unserem Garten in Edenoben wuchsen sogar Reneklode und Pfirsiche. Der Luftkurort liegt in einem Rebenmeer; die Deutsche Weinstraße führt direkt durch den Stadtkern. Wenig bekannt ist der Lederstrumpfbrunnen am Goldenen Eck zum Gedenken an den Auswanderer Johann Adam Hartmann, den J. F. Cooper als Lederstrumpf unsterblich gemacht hat. Die Legende sagt, er habe als Schmiedlehrling seinen Meister erschlagen und sei daraufhin geflohen.

Schulen fürs Leben

Als Schüler war ich, trotz meiner Faulheit, besonders bei den Lehrern beliebt. Hausaufgaben waren meine Sache nicht. Abends schlug ich nicht nur ab und zu unsere Katze, sondern auch mal ein Schulbuch auf, wusste aber nicht, was wir “auf hatten”. Mit der Zeit begriff ich, dass “Frollein” nicht der Vorname unserer Englischlehrerin, sondern ihre Klassifizierung war. Doch im Kollegium der Strafversetzten am Progymnasium Edenkoben fiel sie eher positiv auf. Unser Geschichtslehrer war mehrmals in einer Nervenheilanstalt, weil ihn niemand ernst nahm. Wenn der Türsteher die Tür aufriss und “Aaach-Tung” rief, blieb er zunächst aufgeregt auf der Schwelle stehen und machte sich erst einmal Notizen über Schüler, die nicht an ihrem Platz standen oder merkwürdige Schreie ausstießen. Da gab es bereits reichlich Arbeit für ihn. Er schreckte auch nicht davor zurück, Schüler – meistens vergebens - zwischen den Bänken hindurch zu verfolgen, zumal er auch Sport unterrichtete. Einmal haben wir ihn beim Sportunterricht auf dem Fußballplatz mit einer anderen Klasse beobachtet. Mein Kumpel hatte eine Trillerpfeife dabei ... Am nächsten Morgen holte er uns vor die Tür, stellt uns ein paar Fragen, die wir alle mit “Ja” beantworten mussten und belohnte uns für unsere Ehrlichkeit, indem er unsere beiden Köpfe gegeneinander stieß. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, aber stumm wie Fische kehrten wir in den Klassenraum zurück.

 Unser Mathelehrer gab gerne einen seiner drei Sprüche zum Besten: “Wie heißt es richtig: am Äquator ist es wärmer oder gibt es Wärmer?” Nur wenn man weiß, dass ein Pfälzer Würmer “Wärmer” ausspricht, findet man die richtige Antwort. Am häufigsten war unser Lateinlehrer strafversetzt worden. Er hatte mehrere für seinen Beruf ungünstige Angewohnheiten. Zum einen roch er tierisch aus dem Loch von seinen nächtlichen Saufereien, zum andern fummelte er an Schülerinnen herum. Seine Lieblingsschülerinnen mussten regelmäßig mit ihrem Heft zum Lehrerpult kommen und sich ganz eng neben ihn stellen, damit er lesen konnte, welchen Blödsinn sie geschrieben hatten. In aller Ruhe korrigierte er die vorhandenen oder nicht vorhandenen Fehler, das dumme Ding immer enger an seinen verschwitzten Körper drückend. So einer könnte sich das heutzutage keine 14 Tage erlauben. Nach dem Wechsel aufs Neusprachliche Gymnasium in Landau bin ich ins Mittelmaß abgerutscht. So war die Zeit für ein Fazit mit geballter Faust und germanisch-göttlichem Donnergrollen gekommen:Habe nun Mathe, Englisch, Geschichte und leider auch Physik durchaus studiert mit heißem Bemüh'n. Da saß ich nun, ich armer Thor in Reihe sieben irgendwo und war so klug als wie zuvor. Heiße Abi Turient, wurde geführt zwölfeinhalb Jahr herauf herab und quer und krumm von Lehrern an der Nase 'rum

 
 
Es viel mir schwer, zu den neuen Lehrern eine seelisch-moralisch-mentale Beziehung herzustellen. Sie erschienen mir herz- und gefühllos, wie Lehrmaschinen. Für sie war ich eine Nummer, ein Nichts. Im Gegensatz zu mancher Mitschülerin, die am Progymnasium kaum etwas zustande gebracht hatte, jetzt aber mit kniefreiem Röckchen reichlich Punkte bei den männlichen Lehrern sammelte. Dem hatte ich nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Noch größere Probleme als ich in Latein hatte unser Mathe-Genie. In der schriftlichen Abiturprüfung musste er eine “6” verhindern. Da gab's nur eine Lösung: eine blitzgescheite Mitschülerin erhielt den Auftrag, nach einer Stunde auf die Toilette zu gehen und im Flur einen Spickzettel hinter den Feuerlöscher zu schieben. Scheint geklappt zu haben, denn ein paar Wochen später hatten wir alle nicht nur das große Latinum, sondern das komplette Abi in der Tasche. Kurz davor war lediglich noch ein mündlicher Prüfungstag zu überstehen. Wir wussten: wer vormittags geprüft wird, hat bestanden; wer auf der Kippe stand, war nachmittags an der Reihe. Wir waren nachmittags längst in unserer Lieblingseckkneipe und haben am Kicker “gekurbelt”. Ich hatte eine brutalst mögliche mündliche Prüfung in Deutsch hinter mir, die es schnellstmöglich zu vergessen galt. Zwar hatte mir mein Sportlehrer rechtzeitig das Prüfungsthema genannt.
Ich sollte über Sonetten Auskunft geben, also über eine überwiegend mittelalterliche Gedichtform aus 14 metrisch gegliederten Verszeilen, die in der italienischen Originalform in vier kurze Strophen eingeteilt sind: zwei vierzeilige Quartette und zwei sich daran anschließende dreizeilige Terzette. Die einzelnen Zeilen sind Elfsilbler mit meist weiblicher Kadenz.
Leider standen mir diese Informationen zum damaligen Zeitpunkt nicht zur Verfügung. Später habe ich dann unter der Hand erfahren, dass meine Deutsch-Erörterung im schriftlichen Abitur mit “sehr gut” bewertet worden war. So war die “3-” im Mündlichen zu verschmerzen. Glücklicherweise durfte ich bei der zweiten Aufgabe den Prozess von Franz Kafka interpretieren. Das war meine Rettung:

Der Bankprokurist Josef K. dagegen hatte keine Chance. Jemand musste ihn verleumdet haben, denn an sei-nem 30. Geburtstag wurde er verhaftet. Vergeblich versucht er herauszufinden, wessen er angeklagt war. In einem Prozess, von dem nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch der Angeklagte ausgeschlossen bleibt, wird Josef K. schließlich von einer anonymen, für ihn unerreichbaren Gerichtsinstanz, zum Tod verurteilt. Er fügt sich dem mysteriösen Urteilsspruch, ohne jemals zu erfahren, was man ihm vorwirft. Zwei Schergen holen ihn ab und erstechen ihn an seinem 31. Geburtstag "wie einen Hund" in einem Steinbruch. In seinem "Brief an den Vater" berichtet Kafka 1919 von einem traumatischen Erlebnis in seiner Kindheit. Als er eines Nachts um etwas Wasser bat, trug ihn der Vater vom Bett auf den Balkon und verschloss die Tür. Erst nach einiger Zeit holte er ihn wieder ins Zimmer. Kafka schreibt: “Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf den Bal-kon tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für ihn war.” Dieses Gefühl des Ausgeliefert-seins an eine übermächtige Autorität erlebt auch Josef K. Franz Kafka tritt in seinem Roman "Der Prozess" weder als Erzähler noch als Kommentator auf. Was geschieht, erfahren die Leser und Leserinnen nur aus der Perspektive der Hauptfigur. Dabei steht K. mit seiner Wahrnehmung offenbar allein, denn seine Mitmenschen finden ganz normal, was er für absonderlich hält, und sie wundern sich andererseits über sein aus ihrer Sicht verrücktes, sinnloses Verhalten.  
Als mir meine Deutschlehrerin zum “Zeugnis der Reife” gratulierte, empfahl sie mir, mich in Zukunft besser auf mündliche Prüfungen vorzubereiten. Ich konnte aber immer noch nicht fassen, dass ich ausgerechnet beim Abitur den besten Aufsatz aller Zeiten geschrieben hatte. Das sah zwei Jahre zuvor noch ganz anders aus. Aus meiner Deutsch-2 war durch den Schulwechsel eine “5” geworden. In Schwerstarbeit hatte ich mich in der 12. und 13. Klasse wieder auf “meine 2” hochgeschrieben. Aber eine “1” im Abituraufsatz? Unfassbar! Allzu gerne hätte ich dieses Schriftstück später noch einmal gelesen. Soweit ich weiß, gab es damals nach sieben Jahren diese Möglichkeit. Doch das habe ich erst viel später erfahren. 1967 jedenfalls waren wir der erste Jahrgang, der die mündliche Abiturprüfung nicht nach den Sommerferien, sondern im Frühjahr machen durfte. Das war nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern brachte gleich zwei Vorteile mit sich: zum einen wurde uns fast ein halbes Jahr Schulzeit von der rheinland-pfälzischen Schulbehörde geschenkt, zum anderen hatte ich vor dem Dienstantritt bei der Bundeswehr ein Vierteljahr Zeit zum Jobben und Ver-reisen. Obwohl Abistreiche damals bedauerlicherweise völlig unbekannt waren, hatten wir doch reichlich Unfug im Kopf. Das Foto könnte der Beweis sein, dass wir die eigentlichen Urheber dieser Unsitte waren, auch wenn durch Max und Moritz, diese beiden, kein Unterricht ausgefallen ist. Von hinten fasst mich übrigens meine heimliche Liebe, Christa aus Nussdorf, an den Händen. Sie war ein sportlicher, bildhübscher Intelligenzbolzen, also eine Nummer zu groß für mich. Ein Gefühl des Stolzes, es geschafft zu haben, stellte sich bei mir - kein Wunder bei diesem Notenbild - nicht ein; ich war nur froh, dass der ganze Mist vorbei war. „Nie mehr Schule“, dachte ich, doch das sollte sich neun Jahre später als fataler Irrtum erweisen.


 

Auch seine Fahrschule vergisst man nicht so schnell. Bereits bei der ersten Fahrstunde in meinem Heimatort Edenkoben erklärte mir mein Fahrlehrer, er könne leicht erkennen, dass ich bereits Fahrpraxis habe. Er meinte mit dem Auto, doch da hatte er unrecht. Bis zu diesem Zeitpunkt, ich war 17, war ich lediglich Rollschuhe, Schlitten, Fahrrad, Moped und Traktor gefahren. Wahrscheinlich war er einfach nur ein fauler Sack. Ich fühlte mich allerdings unter Druck gesetzt und fuhr auf der Bundesstraße schneller als es meinem Unvermögen entsprochen hätte. Doch alles ging gut; auch die schriftliche Prüfung war kein Problem. Dann kam der Tag der praktischen Prüfung, die in Landau in der Pfalz stattfand, wo ich nicht vel mehr kannte als den Weg zwischen Bushaltestelle, Schule und Eckkneipe. Das konnte nicht gut gehen, zumal ich von acht Fahrschülern der einzige männliche war. Dann erfuhr ich, dass ich als Letzter an der Reihe war. Und der Hammer war: sechs der sieben Hausfrauen vor mir fielen durch - eine nach der anderen. Jedesmal sickerte durch, welchen Bock die Fahrschülerin geschossen hatte. Eine schaffte es noch nicht einmal loszufahren. Sie hatte in den Rückspiegel gesehen, die Handbremse gelöst, Gas gegeben: nichts passierte. Als sie bemerkte, dass sie vergessen hatte, den Motor zu starten, war es zu spät. Gegen Mittag war ich an der Reihe. Alles ging gut, bis der Prüfer auf die verrückte Idee kam, von mir zu verlangen, in eine viel zu enge Parklücke rückwärts einzuparken. Ich wusste: das geht schief, und diese Vorahnung habe ich auch deutlich zum Ausdruck gebracht. Der Prüfer war nicht umzustimmen; wusste er nicht, dass ich nur zwölf Fahrstunden absolviert hatte oder war genau dieser Umstand Anlass für ihn, mich zu ärgern. Es kam, wie es kommen musste: ich stieß gegen die Stoßstange des hinteren Wagens. Wir stiegen aus und fanden auf den ersten Blick keinen Blechschaden. Da kam der Besitzer und sagte, wir könnten weiterfahren, es sei nichts passiert. Ich war erstaunt, dass ich tatsächlich wieder ans Steuer durfte. Einige Minuten später dann Vorfall Nummer zwei. Vor mir eine unbeschilderte Kreuzung: rechts vor links. Ich sollte geradeaus weiterfahren, hielt aber vorschriftsmäßig an und schaute nach rechts. Mitten auf der Straße schob ein Radfahrer sein Rad auf die Kreuzung und blieb stehen, als er mich sah. Wir sahen uns an, und keiner wusste, was er tun sollte. Als es mir zu blöd wurde - mein Magen knurrte schon - fuhr ich weiter. "Ich habe gar nicht gesehen, dass der Radfahrer auf seine Vorfahrt verzichtet hat", blökte es neben mir. Ich hatte noch nicht einmal Zeit mir zu überlegen, ob ein Fußgänger Vorfahrt haben kann, da meldete sich laut und vernehmlich mein Fahrlehrer: "Doch, doch, er hat gewunken!" Gewinkt, gewankt, gewunken - egal, ich konnte weiterfahren. "Noch eine nichtbestandene Prüfung heute ertrage ich nicht", wird sich mein Fahrlehrer wohl gedacht haben. Als nach dem Mittagessen das Prüfungsergebnis bekannt gegeben wurde, sagte der Prüfer zu mir: "Wissen Sie, was das war?" Keine Ahnung, wovon er sprach. "Das war scheintot," konstatierte er mir. Jubel, Trubel, Heiterkeit! Das konnte nur bedeuten: ich hatte bestanden!
 

Beim Bund

Den Wehrdienst absolvierte ich in der Speyerer Kurpfalz-Kaserne. Panzerpionier - das war unser militärsches Schicksal. Nach der Einkleidung wurden uns seine vier wichtigsten Eigenschaften klar gemacht: „Dumm, stark, wasserfest und geländegängig“. Das leuchtete mir ein: dumm war es, überhaupt zur Bundeswehr zu gehen. Kraft brauchte man, um die Hohlkörper zum Bau behelfsmäßiger Brücken, Pontons genannt, zu sechst durch die Gegend zu schleppen. Da mit den Brücken fließende Gewässer überwunden werden sollten, war auch Wasserfestigkeit nicht von der Hand zu weisen. Dafür wurde viel trainiert: insbesondere nach Dienstschluss floss der schäumende, gelbliche Gerstensaft, allgemein als Bier bekannt, in Strömen. Während der vierteljährigen Grundausbildung stand jedoch die Geländegängigkeit im Vordergrund. Marschieren mit Kampfausrüstung, Hinlegen, Aufstehen, Hinlegen, Aufstehen ... "Stumpfsinn, Stumpfsinn, du mein Vergnügen ...", sang ich still vor mich hin. Bald kam das "Robben" dazu. "Zehn Zentimeter unter der Grasnarbe“, forderte unser Gruppenführer bezüglich Vorwärtskriechens in Bauchlage.Zu den etwas angenehmeren Übungen zählte die Formalausbildung. "Genau 80 cm Abstand zum Vordermann einhalten", forderte der Ausbilder, „81 cm ist Fahnenflucht, 79 cm ist schwul.“ Eher heimtückisch war der Unterricht nach Geländeübungen. Wir waren müde und kämpften gegen das Einschlafen. Mancher einfache Schütze Arsch hat diesen Kampf verloren. Dann kam das Kommando des Leutnants (leise): Alles was schläft ... und laut: „A u f !!!“. Als die aufgestandenen Schlafmützen merkten, dass die Wachgebliebenen sitzen blieben, wussten sie: Krieg ver-loren! Sie durften sich beim pieß, melden, dem immer eine schöne Aufgabe nach Dienstschluss einfiel. Stubendurchgänge fanden eher selten statt. Wir haben zwar stundenlang die Stiefel mit Spucke und sonstigen Tricks geputzt, die Betten aufs Sorgfältigste gebaut, die Wäsche im Spind millimetegenau zusammengelegt und Staub gewischt wie die Waldmeister, aber den Arsch aufgerissen hat uns keiner. War allerdings unsere Nachbarstube nachlässig, wurde unser Fähnrich sauer, ein Anschiss war fällig: Machen Sie ordentlich Meldung, oder ich sprenge Sie bis ans Ende des Ganges! Und ich meine nicht diesen Flur hier!

Eines Tages stand dann unsere Ernennung zum Fahnenjunker auf der Tagesordnung - verbunden mit der Funktion des Gruppenführers. Endlich Führer! Rekruten wurden uns zur Grundausbildung zugeteilt - Jungfüchse! Ich musste plötzlich selber Befehle erteilen. Mein Lieblingsbefehl lautete: „Rührt Euch - ein Lied!“ Dieser Aufforderung konnte meine Gruppe nicht widerstehen. Gerne gesungen wurde zum Beispiel: "In einem Polen-Städtchen". Wenn das Singen nicht entsprechend laut und unisono funktionierte, hat ein fränkischer Fahnenjunker sich dadurch beliebt gemacht, dass er mit aufgesetzter ABC-Schutzmaske die Stimmbänder trainieren ließ. Bereits zu diesem Zeitpunkt war völlig klar, dass ich psychisch und mental für ein Leben als Soldat, insbesondere für die Offizierslaufbahn, nicht geeignet war. Mitmenschen Befehle erteilen, die sie möglicherweise ins Verhängnis stürzen: für mich undenkbar. Doch erst nach unserer Entlassung habe ich mich als Student des Themas Wehrdienst noch einmal angenommen und die Entscheidung getroffen den Kriegsdienst zu verweigern. Das war für einen Offiziersanwärter ein fast aussichtsloses Unterfangen, doch unbeirrt stellte ich einen Antrag. Dieser wurde in erster Instanz abschlägig beschieden. In der zweiten fand ein Verhör vor mehreren Sachverstä-digen statt, denen ich meine Beweggründe erläutern musste. Ich hatte kein gutes Gefühl, war aber bereit, bis nach Karlsruhe zu gehen. Es folgte eine zunächst mündlich vorgetragene Entscheidung. Meine Argumente hätten das Gremium nicht wirklich überzeugt, insbesondere sei die emotionale Ablehnung des Gebrauchs der Schusswaffe kaum erkennbar. Dennoch habe man meinem Antrag stattgegeben, weil ich ein Überzeugungstäter sei. So sei ich zm Beispiel aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Was für eine Begründung! Kurioser geht’s kaum! Ich konnte meinen innerlichen Triumpf kaum verbergen. Bis heute bin ich überzeugter Pazifist geblieben. Von mir wird daher nie ein Krieg ausgehen!

Lustig war das Studentenleben ...

Mein Studium begann ich im Fachbereich Psychologie in Saarbrücken. Die Statistik-Vorlesung war knochentrocken und einschläfernd, im Gegensatz zum Tierfysiologischen Praktikum. Hier ging es darum, Fröschen die Haut abzuziehen und sie anschließend mit einer Schere zu dekapitieren. Leider gab es bei mir ein kleines Problem. Als ich meinem toten und enthäuteten Frosch mit einer Schere den Kopf abschneiden wollte, glitt er mir aus der Hand, fiel auf den Boden und hüpfte da ein paar Meter. Meine erste Prüfung fand allerdings in Freiburg statt. Obwohl ich in Speyer Fußball spielte und trainierte, war die Fußballprüfung ein einziger Reinfall. Bei starkem Seitenwind in Richtung Tor sollte ich als gelernter Verteidiger Eckbälle stoßen, die ich weder im Unterricht noch im Verein je geübt hatte und vor der Prüfung auch nicht üben konnten („keine Zeit“). Nachdem ich alle drei Versuche knapp hinter das Tor bzw. aufs Tornetz gesetzt hatte, war die schlechteste Prüfung meines Studiums beendet: mit „ausreichend“ bestanden. Urlaubscharakter dagegen hatte eine Fahrt mit ausgewählten Sportstudenten in die slowenische Hauptstadt Ljubljana (Laibach) zu einem Vergleichskampf mit der dortigen Universität. Drei Tage lang mussten wir - um unsere Gastgeber nicht zu beleidigen - reichlich Slivovicz trinken und Cevapcici verdrücken. Ich brauchte nur die 400 m zu laufen, aber es lag nicht an mir, dass wir den Wettkampf verloren, sondern ausschließlich an unserer Rundumversorgung, die uns träge gemacht hatte. Auch der 14-tägige Ruderlehrgang am Bodensee war mit Ferien gleichzusetzen,, wenngleich ich meinen "Body" durch das tägliche, stundenlange Training zu einem Adoniskörper „definierte“.Ich hatte die richtigen Fächer gewählt! Denn auch und gerade in Geografie war Verreisen keine Affaire. Bald war ich auf einer 10-tägigen Exkursion nach Mittelitalien mit Prof. Dr. Gabi Schwarz. Allerdings beschäftigte ich mich mehr mit dem anderen Geschlecht als mit den städtebaulichen Sehenswürdigkeiten von Florenz, Siena, Pisa oder Rom. Beeindruckend war weniger die Architektur der zahlreichen Kathedralen als die diverser weiblicher Körper, von den weiß schimmernden Marmorsteinbrüchen bei Carrara einmal abgesehen.Eine weitere Exkursion hatte den Rheinfall von Schaffhausen zum Ziel. Er bietet dem Besucher ein grandioses Schauspiel. Über eine Breite von 150 m und eine Höhe von 23 m stürzen bei mittlerer Wasserführung 700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde über die Felsen. Damit ist er der grösste Wasserfall Europas. Vom Rheinfallbecken aus kann man die ganze Wucht der Wassermassen des Rheins auf sich wirken lassen. Lohnenswert ist auch eine Fahrt zum mittleren Felsen, der bestiegen werden kann, oder auf die Zürcher Seite des Falles und weiter rheinabwärts. Vom Schloss Laufen aus führt ein Fussweg vorbei an den tosenden Wassermassen zur direkt im Rheinfall stehenden Plattform «Känzeli».

Ein Schwerpunkt der Ausbildung stellte die Kartografie, insbesondere das Lesen und Interpretieren topografischer Karten, dar. Gewässer, Forste, Siedlungen, Verkehrswege und Infrastruktureinrichtungen beschreiben: das war machbar. Schwieriger wurde es schon bei den restlichen Nutzflächen, insbesondere bei den Flurformen (Block-, Gewannflur). Noch schwieriger war es, aus den Namen von Siedlungen und anderen Orten deren Entstehung abzuleiten, eine Wissenschaft für sich. Oder kann vielleicht ein Geograf, geschweige denn ein Normalsterblicher, vom Namen Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch ableiten, wann diese walisische Ortschaft entstanden ist? Auch die slawische Herkunft der kroatischen Insek Krk erschließt sich einem nicht sofort. Noch viel schwieriger war, anhand der Isohypsen den Relieftyp zu erkennen. Aber das Allerschwierigste bestand darin, die anstehenden Gesteinsformationen mit dem dazu gehörigen Erdzeitalter und der entsprechenden Epoche aus Ichweißnichtwas abzuleiten, um damit die Entstehungsgeschichte der Landschaft zu erklären. Ein volles Haus hatte in dieser Zeit Wolfgang Weischet, dessen allgemeine Klimatologie und dessen spezielles Kinnbärtchen mir in Erinnerung geblieben sind Als Miglied der Gruppe Internationaler Marxisten hatte ich im UZH (Studentenwohnheim Ulrich-Zasius-Haus) so meine Probleme mit den dort reichlich vertretenen DKP-Kommilitonen. Zu allem Überfluss war ich auch noch scharf auf eine ihrer Apologetinnen. Als ich Anja vor-schlug, die Nacht bei ihr zu verbringen, war sie - nach einigen Überredungskünsten - zwar einverstanden, erklärte mir aber klipp und klar, Sex stünde erst auf der Tagesordnung, wenn ich Mitglied der DKP wäre. Ein echtes Anliegen war vielen Studenten und Landwirten die Verhinderung des Baus des Atomkraftwerks Wyhl. Zeitweise “wohnten” wir auf dem Bauplatz. Kurz vor meinem Wegzug durfte ich noch eine Räumung durch die damals wenig zimperliche “Bullerei” miterleben. Nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen und einer Großkundgebung erkärte 1983 der baden-württembergische Ministerpräsident Späth, aber nicht zu spät, das KKW Wyhl sei nicht nötig. Seit 1995 ist der ehemalige Bauplatz als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

My Home is my Castle

Aufgewachsen bin ich in einem Haus mit Wohnküche, Schlafzimmer, Mehl- und Getreidespeicher, Viehstall und Keller. Im Laufe der Jahre wurden Hof und Scheune betoniert, Wohnzimmer und Küche voneinander getrennt, der Garten eingesäumt und begradigt, ein kleines Zimmer für mich, ein Badezimmer und eine Toilette gebaut, der Mehlspeicher in ein Schlafzimmer für meine Eltern umgebaut, ihr altes Schlafzimmer meiner Schwester zur Verfügung gestellt. Mein "Doppelzimmer" im ersten Stock mit Blick auf das etwa sechs Meter entfernte Nachbarhaus bestand aus einem winzigen, etwa 6 m² großen Raum mit Schreibtisch und Gasheizung sowie einem unter dem Schrägdach liegenden, etwa 8 m² großen Schlafraum mit Bett und HiFi-Anlage. Bei der Bundeswehr wohnte ich in einer Kaserne mit Doppelbett-Stuben, also sechs bis acht Leuten in ei-nem Raum. Die Betten waren zu kurz und quietschten, im Spind war für private Klamotten kein Platz - kurz: als Aufenthaltsraum waren diese Zimmer ungeeignet. Als Student lebte ich eine Zeit lang am Freiburger Stadtrand mit Häuslebauern zusammen. Als mich die beiden Schäferhunde meines Vermieters auf der vor dem Haus gelegenen Wiese jagten und ich mich nur noch mit Müh und Not in mein Auto retten konnte, war mir klar, dass nach zweieinhalb Jahren wieder ein Umzug fällig war. So landete ich im Grünen. In aller Herrgottsfrühe wurde man jeden Morgen durch Landlärm aus dem Schlaf gerissen. Bald merkte ich: ein Vogelschwarm hatte seinen Treffpunkt vor mein Schlafzimmerfenster gelegt. Das war ein untrügliches Zeichen, mein Studium ernster zu nehmen. So saß ich zur damaligen Zeit bereits morgens um 8 h im Hörsaal. Das Ulrich-Zasius-Haus war für mich eine neue Wohnerfahrung. Zwar kannte ich schon billige Bruchbuden, kalte Kellerwohnungen, Mehrpersonenräume in Krankenhäusern, Jugendherbergen und Kasernen, aber noch kein Einzelzimmer im elften Stock eines Hochhauses mit Gemeinschaftsküche, -klo und -dusche.

In Berlin konnte ich zunächst von einem Bekannten eine Altbauwohnung mit Ofenheizung und Außentoilette in der Kreuzberger Solmsstraße übernehmen. Weil ich im Winterhalbjahr keine Briketts schleppen wollte, ließ ich mich von einem Landsmann überreden, in eine riesige WG zu ziehen, in der offiziell acht Personen hausten. Wir trafen uns morgens und abends in der Küche und hatten eine Gemeinschaftskasse für die Lebensmittel. Da geschlossene Zimmer unerwünscht waren, zuviel gekifft wurde und Tag und Nacht laute Rockmusik durch den Flur dröhnte, zog ich nach einem halben Jahr von einer Wohngemeinschaft in die nächste, wo ich mit drei jungen Frauen zusammenwohnen durfte. Ich hatte ein schönes Doppelzimmer mit Wohn- und Schlafbereich. Toilette, Bad und Küche waren Gemeinschaftseinrichtungen. Nach einem Dreivierteljahr teilte mir eine der Mitbewohneerinnen unvermittelt und aus heiterem Himmel schriftlich mit, dass sie mir miesem Untermieter, der nachts Weiber mit auf sein Zimmer nimmt, 14 Tage Zeit gäbe, die Koffer zu packen, wenn ich eine Zwangsräumung vermeiden wolle. Die längste Zeit wohnte ich ohne Aufzug, ohne Vorgarten und ohne Balkon in einer nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebauten 62-m²-Wohnung im vierten Stock eines sanierungsbedürftigen Hauses in der Charlottenburger Schlossstraße. Starke Nerven waren erforderlich, um das nächtliche Düsenkühlaggregat im Hinterhof, Türkenmusik, Straßenlärm sowie Pizza- und Dönergestank zu ertragen. Als mir eines Tages ein neuer Hausverwalter mitteilte, er wolle mich aus der Wohnung heraushaben, iIch bräuchte nicht zu renovieren und er bezahle mir den Umzug und gebe mir eine Abfindung, zog ich in die Eislebener Straße in Wilmersdorf: zweiter Stock, kein Aufzug, kein Balkon, kein Schlafzimmer, knarrende Böden, 70 m², zu teuer. Aber ein über 40 m² großes Wohnzimmer. Werde ich jemals, insbesondere wegen der Musikschule, frühmorgentlichen Müllabfuhr und Container auf die Pflastersteine knallenden Hotellieferanten sowie des enormen Trittschalls, wieder umziehen, vielleicht sogar Berlin verlassen?

Lokale & Lokalitäten

Unter Baden verstehe ich, mich ans Wasser zu legen und im Wasser zu erfrischen, ohne systematisch und regelmäßig Strecken zu schwimmen. Dazu war in meiner Kindheit und Jugend das Freibad in meiner Heimatstadt bestens geeignet. Auch in anderen Städten habe ich später gerne Freibäder besucht, wobei der Bewegungsdrang mit der Zeit immer stärker durch die Beschäftigung mit Badeanzügen und deren Inhalt ersetzt wurde. In Berlin war meine erste Adresse das Freibad Halensee in der Königsallee. Wenn man mal kein Geld hatte oder nackte Haut sehen wollte, konnte man sich um die Ecke auf die FKK-Wiese setzen oder selber nackt Fußball spielen. In den 1970er Jahren erlebte ich allerdings eine Polizeikontrolle mit hektischem Verdecken der Busen, Gesäße und Genitalien. “Sittenwidrigkeit” war damals ein Straftatbestand und musste bei erstatteten Anzeigen von der Polizei verfolgt werden. Die sexuelle Revolution der 68er-Generation war noch nicht bis in die Amtsstuben und Gesetzgebungsverfahren vorgedrungen. Als Alternative bot sich das Havelufer an der Havelchaussee mit seinen vielen sandigen kleinen Buchten an. Hinsichtlich der Eutrophierung bestand allerdings kein wesentlicher Unterschied.

 Aus Kostengründen und wegen der Gewässerverschmutzung fuhr ich mit Freunden und Bekannten in der Pfalz und im Breisgau häufig zu nahegelegenen Baggerseen. Zwar lagen sie meistens in Privatgelände, sodass das Betreten verboten war. Doch gab es nie böse Eigentümer, Anzeigen oder gar Strafen, da das Baden stillschweigend geduldet wurde und ja auch keinen wirtschaftlichen Schaden verursachte. Wegen der Schlamm- und Kiesufer war es am besten, sich auf einen Liegestuhl oder eine Luftmatratze zu legen. An manchen Baggerseen wurde sogar gegrillt und an Lagerfeuern gegessen und getrunken. Ein bis dahin einmaliges Badeparadies war 1985 bei seiner Eröffnung das Blub in der Britzer Buschkrugallee. Wellenbad, Wasserfall, Whirlpool, Wildwasserkanal und Sauna funktionierten tatsächlich eine Zeitlang. Dann ließ man die Anlagen mehr und mehr verkommen, bis ihre Benutzung ein Gesundheitsrisiko darstellte

Überall, wo Bier gebraut wird, gibt es sicherlich auch Biergärten. Im Sommer im Freien unter Bäumen sitzen, eine Bratwurst verzehren, den Durst löschen oder – im fortgeschrittenen Stadium – sich die herumsitzenden Frauen schön saufen: was will Mann mehr? In Freiburg waren Biergärten nichts besonderes, da praktisch jede Kneipe Tische im Freien stehen hatte. Sehr gut besucht war – über den Dächern der Stadt - der Kastaniengarten am Schlossbergring. In Berlin war das Loretta im Garten in der Lietzenburger Straße (in Wilmersdorf) jahrelang die erste Adresse für mich. Als die urige, rustikale Anlage für den Tourismus modernisiert und aufgemöbelt wurde, ging es nur noch um den Kommerz. Kommerzielle Einrichtungen sind auch Diskotheken: in Deutschland laufen sie unter “Schankwirtschaft”. Sie entstanden in den 1960er-Jahren, als in Tanzlokalen aus Kostengründen die Bands durch Musik von Schallplatten ersetzt wurden. Gezielt suchte ich mir meistens Läden ohne Gesichtskontrolle aus. Türsteher waren mir schon immer zuwider. 1968 hat mir in München besonders das Big Apple am Schwabinger Eck mit seiner gigantischen Lichtorgel gefallen, die einer psychedelischen Beleuchtungsorgie gleich kam. Der absolute Höhepunkt war das zuckende Spotlight, das beim Tanzen abgehackte Bewegungen, sozusagen einzelne Blitzlichtaufnahmen in Serie, erzeugte. Dazu gab es aufgemotzte Bräute, wie ich sie als Provinzler bis dahin noch nicht gesehen hatte. Als einfacher Soldat mit wenig Geld machte ich mir jedoch keine Illusionen. Später entdeckte ich dann auch auf Lanzarote und in der Berliner Bundesallee gleichnamige Discos, die aber mit der Münchner nicht annähernd mithalten konnten. Im Westberlin der 1970er und -80er-Jahre schossen die Discos wie Pilze aus dem Boden. Nicht selten verbrachte ich nachts vier bis sechs Stunden bei lauter Discomusik. Ein Wunder, dass ich heute nicht taub bin.

Als der Dschungel am Winterfeldplatz seine Pforten öffnete, konnte man den Namen noch mit der Einrichtung in Verbindung bringen, wenngleich mir weder Tarzan noch Jane jemals über den Weg gelaufen sind. In der Nürnberger Straße standen dann Kontrollettis an der Tür, doch gewährte man mir immer anstandslos Einlass. Das Treibhaus und später das Tolstefanz am Lehniner Platz in Charlottenburg gefielen mir sowieso besser. Letzteres hatte die mit Abstand beste Musik – jedenfalls nach meinem damaligen Geschmack. Auf Hurricane, Cocaine, Layla, Blinded by the Light, Do you feel like we do, Don't let me be misunderstood oder Fly like an Eagle konnte man, nein: musste man einfach abtanzen. Ganz bestimmte Figuren, teilweise Althippies, waren immer irgendwo im Raum. Im Bowie am Adenauerplatz setzte sich eines Nachts Romy Haag auf meinen Schoß und flirtete mit mir. Es wimmelte geradezu von Transen in diesem Kellerlokal. Und ständig lief “Helden” von David Bowie. Ich, ich war dann König - für eine Nacht. Die deutsche Heroes-Version war in den Hansa-Studios eingespielt worden, als Bo-wie zwischen 1976 und 1978 in einer 10-Zimmer-Altbauwohnung in der Schöneber-ger Hauptstraße [Nr. 155] residierte. Die Tolstefanz-Mannschaft war inzwischen vom Lehniner Platz zur Budapester Straße umgezogen, wo die Musikarena Linientreu entstand. Da meine exzessive Phase jedoch definitiv vorbei war, fuhr ich lieber mit Viktor zur Rennbahndisco Annabelle's in der Mecklenburgischen Straße in Wilmersdorf, um die Berliner Edelbräute zu begutachten. Als mir die ständige Spannerei zu langweilig war, kehrte ich zum alten Tolstefanz zurückgekehrt, das aber dann “Far Out” hieß. Drinnen gab es einen Tresen mehr, als Bedienungen sind massenhaft Sannyasins herumgeflitzt und an der Wand hing ein Riesenposter von Bhagwan. War das lustig: ein Tanztempel - Poona in Berlin!

Zu den älteren Berliner Kneipen gehört der Leuchtturm in der Schöneberger Crellestraße, in dem ich als vorübergehend Arbeitsloser in den 1970er-Jahren einen Winter lang hinter dem Tresen Bier zapfte. Eberhard Kablitz, der die Studenten bediente, hatte mir den Job verschafft. Als Geograf fühlte ich mich nicht nur unter Weltlaternen, sondern auch auf bzw. in dem Breitengrad am Hindemith-Platz (um das Mommseneck herum) wohl, das leider immer nachts um 1 h, wenn es am schönsten war, Feierabend gemacht hat. Auch die Kastanie in der Charlottenburger Schlossstraße hat einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Da wir ein paar Häuser weiter wohnten, hatte Freya eines Nachts vor über einem Vierteljahrhundert die Idee, im Vorgarten einen Tisch und vier Stühle für die Küche mitgehen zu lassen. Genau so lange taten die fünf Teile auch ihren Dienst. Die Vogelweide in der Bayerischen Straße war ein, zwei Jahre höllisch voll. Einen guten Bekannten, Dieter, der dort als Barkeeper genau so höllisch verdiente, traf ich ein paar Jahre später als Ausgewanderten auf Gran Canaria. Gegenüber des Xantener Ecks lag das Ex (Nähe Adenauerplatz), jahrelang unser zweites Zuhause, wo wir unsere Ersatzfamilie gefunden hatten. Dann geschah das Unfassbare: nacheinander wählten der Pächter und Berni, sein österreichischer Oberkellner, den Freitad. Die Eckkneipe wurde geschlossen und als Computerladen neu eröffnet. Daraufhin zog ich mich in Richtung Stutti zurück. Nicht zu den Puffs, Drogendealern und Nachtbars, sondern - weiter westlich - zu den gepflegteren Cafés und Kneipen am Kinderspielplatz. Und wenn ich nicht gestorben bin, sitze ich heute noch auf der Bank vor der Rönnestraße und warte auf Komparsenjobs von der Agentur I.M. direkt um die Ecke.  

____________________________________________________________________________________

(Fortsetzung siehe unter "Theater" und "Reiseberichte")

 

Nach oben