Die allseits beliebte Homepage Leon Haardts Lonely Hearts Club bietet einen multimedialen Marktplatz für alles Überflüssige, Sinnlose, Irr- und Surreale, grenzt sich aber kategorisch ab von wirren Irren, entrückten Verrückten und gefloppten Bekloppten.

Reiseberichte

Auszüge aus den Memoiren des Erfolgsautors & Globetrotters Leon Haardt 

 Britischen Inseln 

Nach dem Wehrdienst machte ich mich mit Urban Linus Lissmann, einem ehemaligen Schulkameraden, auf den Weg zu den Britischen Inseln. Dummerweise gab's auf der Fähre über den Ärmelkanal zollfreien Whisky. Doch wir mussten etwas gegen unsere Seekrankheit unternehmen. Wieder festen Boden unter den Füßen, hatten wir Glück: unsere “Chauffeure” fuhren uns um London herum. Innerhalb weniger Tage gelangten wir nach Nottingham, wo wir uns vergebens nach Robin Hood erkundigten. Auch im Sherwood Forest von Robin Hood keine Spur. Stattdessen fuhr uns ein Versicherungsagent durch die Gegend. In York, wo er wohnte, angekommen, eröffnete er uns, dass seine Frau zwei Wochen lang ihre Mutter besuche, sein Haus leer stünde und wir genau so gut bei ihm wohnen könnten. Wir waren vielleicht naiv, aber so naiv nun auch wieder nicht, zu glauben, er hätte nicht irgendwelche Absichten im Hinterkopf. War er schwul? Urban rechnete: er ist allein, wir zu zweit - wir lassen uns darauf ein.

Engländer können schon ganz schön skurril sein, besonders, wenn sie sich mit einem neuen Anzug ins Bett legen, damit er nicht so neu aussieht. Oder, wenn sie Beulen in ihr neues Auto schlagen, damit es nicht so neu aussieht. Eines Abends hat er uns in seinen Club mitgenommen, wo wir das Gesprächsthema Nr. 1 waren, besonders als sie die richtigen Namen für uns gefunden hatten: Urban & Rural - der Städtische und der Ländliche. Ein Brüller! Trotzdem beschwerten sie sich bei uns, dass sie ihre Rheinarmee selber bezahlen mussten. Wir brachten unsere solidarische Empörung zum Ausdruck; da war der Abend gerettet. Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns in Richtung Schottland und erreichten am Nachmittag die scottische Hauptstadt Edinburgh. Obwohl wir nicht heiraten wollten, passierten wir abends das Kaff Gretna Green mit dem bekanntesten Standesamt der Welt. Als es nachts kurz vor Elf in einem Pub mal wieder hieß: “Last order!”, bestellten wir, wie alle, noch ein paar Pint [halbe Liter Bier], um uns an das britische “Binge Drinking” aus randvollen Gläsern - Schaum kennen die Angelsachsen nicht - zu gewöhnen. Ehe wir uns versahen, erreichten wir am nächsten Morgen Loch Ness. Im See lag ein gelbes U-Boot - na, klickt's? “We all live in a yellow submarine”: ein Beatles-Song. Interessant, dass die Schotten “Loch” in der Tat genau wie wir aussprechen, nämlich mit “ch”, wozu ein Engländer niemals im Stande wäre. In Schottland macht sich der keltische Einfluss nach wie vor bemerkbar. Das ist uns verstärkt in Aberdeen aufgefallen, wo mindestens 90% der Bevölkerung rothaarig waren.

Über Glasgow erreichten wir die Westküste. Mit der Schiffsfahrt von Stranraer nach Larne kamen wir vom schottischen Regen in die nordirische Traufe. Das merkten wir sofort, als wir in der Stadt ankamen, deren Bürger sich nicht auf einen einheitlichen Namen einigen konnten. Die Katholiken lebten in Derry, die Protestanten in Londonderry. Katholische Briefträger wären damals nie auf die Idee gekommen, einen Brief auszutragen, auf dem Londonderry stand und umgekehrt. Radiosprecher verwendeten einen Schrägstrich [stroke], wenn sie von Derry/Londonderry sprachen, so dass die Stadt bald Stroke-City hieß. Verwundert beobachteten wir, wie die Bewohner einer Straße mit Backsteinen und Mörtel ihre Fenster zumauerten. Im Hintergrund vernahm ich ein Geräusch, das ich von Bundeswehr-Manövern kannte: Panzer. Für ein paar Sekunden hatte ich den Gedanken im Kopf, der dritte Weltkrieg muss ausgebrochen sein. Nein, es waren die sogenannten “Riots”, die ausgebrochen waren, der Bürgerkrieg zwischen den protestantischen Engländern (“Unionisten”) und den katholischen Iren (“Republikanern”). Und an diesem Dienstag, dem 14. August 1969, hatte die britische Regierung Panzer nach Derry geschickt. Wegen der zu erwartenenden blutigen Auseinandersetzungen flüchteten wir über die nahegelegene Grenze in die Republik Irland. Urban hatte es sich am folgenden Tag jedoch wieder anders überlegt. Er wollte unbedingt die Panzer fotografieren. Alle Überredungskünste nützten nichts, aber ich wollte ihn auch nicht seinem Schicksal überlassen. Das Problem löste sich dann an der Grenze in Wohlgefallen auf: Einreisesperre - es gab kein zurück mehr. So durchquerten wir das grüne Irland, trennten uns dann aber doch, als es an einer Stelle zu zweit nicht mehr weiter ging. Mich führte der Weg in einige irische Pubs sowie über Galway und Limerick nach Rosslare. Hier nahm ich die Fähre zum walisischen Fishguard.

Besonders auffällig in Irland und Wales waren die ellenlangen gälischen Ortsnamen. Doch Wales ist klein und bald hatte mich England wieder, genau genommen war es Stratford upon Avon. Hier gab es ein Fachwerkhaus zu bewundern: das Geburtshaus des 1564 geborenen Shakespeare. Auf einem Platz daneben wurde "A Midsummer Night's Dream" aufgeführt. Doch ich war nur ein paar Stunden von London entfernt und wollte meine erste Weltstadt kennenlernen. Fünf Tage, nachdem wir uns getrennt hatten, werde ich abends an der St. Paul's Cathedral abgesetzt, von wo ich mich unverzüglich zur nahegelegenen Jugendherberge begebe. Alles besetzt! Oh, Schreck, oh Schock! Ratlos stehe ich dumm herum, als plötzlich, - es gechecken noch Zeichen und Wunder - Urban auftaucht. Wir können es n icht fassen: solche Zufälle - die gibt es doch gar nicht. Und er hat genau das gleiche Übernachtungsproblem wie ich. “Kommt mal mit”, sagt der Typ am Empfang zu uns. In einer Kammer kramt er doch noch zwei Pritschen und Matratzen hervor. Mehrere Tage blieben wir in London. Vorzugsweise zu Fuß und mit der U-Bahn (Underground) unterwegs, besichtigten wir die Citys von London und Westminster. Dann auf schnellstem Weg nach Dover zurück, mit der Whiskyfähre nach Calais und - nach fast sechs Wochen und 5000 Kilometern - zurück in die Heimat.

 

 Balkanhalbinsel und Ägäis

Nach wochenlangen Vorbereitungen machte ich mich während des kalten Kriegs mit Freundin Susi und Auto auf in Richtung Balkan. Das erste kommunistische Land, das uns Einlass gewährte, war Jugoslawien. Über Split und Mostar ging es ins Gebirge. Nach Sarajewo wurden wir bei der Fahrt durch ein Bergdorf mit Obst beworfen. Fremdenfeindlichkeit! Doch wir überlebten. Auch im Kosovo war alles friedlich, Tito sei dank! Über Skopje gelangten wir nach Griechenland. An der Ägäis entlang fuhren wir Richtung Osten, bis wir die griechisch-türkische Grenze erreichten. Anstandslos ließ man uns passieren. Selbstverständlich konnten wir uns Istanbul nicht entgehen lassen. Zum ersten Mal ein Hauch von Orient. Dann fuhren wir an der Schwarzmeerküste entlang über die Grenze nach Bulgarien. Irgendwann lasen wir "Feundschaft". Hier schlugen wir unser zweites Zeltlager auf. Bald stießen wir auf DDR-Urlauber, die sich jedoch abkapselten und nicht ansprechbar waren. Wir sagten nur laut und deutlich "Druschba". Die heißen Landwinde machten uns bald schwer zu schafen.

 

So packten wir unsere sieben Sachen. Über die nächste Staatsgrenze steuerten wir auf Konstanza zu. Hier erlebten wir unseren Tiefpunkt. Zuerst stachen uns Jugendliche an einer Ampel einen Reifen platt, um uns anschließend scheinheilig zu einer Werkstatt zu bringen. Dann wollte eine andere Straßenbande mein Kofferradio haben und war sofort bereit, den von mir geforderten Preis zu bezahlen. Diese Großzügigkeit kam mir verdächtig vor, so dass ich wissen wollte, was sie wirklich vorhaben. Einer von ihnen zählte die Scheine seinem Kumpel in die Hand, der sie mir dann übergab. Als ich nachzählen wollte, warnte uns ein dritter Nachwuchsgangster, die Polizei sei im Anmarsch. Schleunigst stoben wir alle auseinander und verdünnisierten uns. Erst Tage dachte ich wieder an das Geld und stellte fest, dass uns unsere Käufer um die Hälfte des Kaufpreises betrogen hatten. Ärgerlich, aber nicht so schlimm: das Kofferradio war eine alte Kiste. Mich zog es jetzt nach Transsilvanien. Nach Überquerung der Karpaten bei Kronstadt erreichten wir Siebenbürgen. Deutsch bzw. das, was man hier darunter verstand, hörten wir kaum noch und wenn doch, verstanden wir es kaum. Das gefiel uns nicht.So versuchten wir in Ungarn unser Glück. Wir fanden jede Menge Obst von unzähligen Bäumen an endlos langen Landstraßen, fast genau so viele Zigeunergruppen, frei zugängliche, aber wenig frequentierte Supermärkte mit gefüllten Regalen, nachts auf den Landstraßen unbeleuchtete Fuhrwerke sowie eine sehr lebendige Hauptstadt, die mich mit ihren vielen Geschäften, Brücken, Plätzen und Markthallen stellenweise an Paris erinnerte.

Nach etwa fünf Wochen verabschiedeten wir uns vom Ostblock und passierten die Grenze nach Österreich, wo ich beim Heurigen jahrelang geblieben wäre, wenn wir nicht zufällig über einen Fernseher gestolpert wären, in dem die Olympischen Spiele übertragen wurden. Die hatte ich völlig vergessen. Susi wusste noch nicht einmal, wo sie stattfanden. Ich gab ihr ein Rätsel auf: “444 Kilometer westlich von uns.” “In Salzburg?” “Nein.” - “In der Schweiz?” “Na-hein.” - “In Deutschland?” “Wo denn sonst?” So zog sich das Frage- und Antwortspiel in die Länge. Am nächsten Tag hatte Susi die Lösung: “München, stimmt's?” - “Mein Gott, jetzt hat sie's!”, rief ich, Eliza Doolittle seligen Gedenkens, begeistert aus. Wir hatten den 2. September und die Schlussfeier der Olympischen Spiele war für den 11. September vorgesehen. In München angekommen, gelang es uns für den übernächsten Tag, einen Montag, je eine Karte für Veranstaltungen im Judo und Ringen regulär zu erwerben. Die Wettkämpfe wurden sehr professionell durchgeführt. Lustig war Susis Frage: “Ist das jetzt Judo oder Ringen?” Endlich hatte ich Gelegenheit sie aufzuklären - zumindest bezüglich des Unterschieds zwischen Bekleideten und Nackten. Apropos nackt: wir waren blank. Unser Geld war alle. Die Heimat rief. So entschlossen wir uns an einem denkwürdigen Tag, dem 5. September, nach Freiburg zurückzufahren. Unterwegs, in einer Gaststätte irgendwo am Bodensee, dann der Fernseh-Nachrichten-Schock. Terroristen der Palästinensergruppe Schwarzer September waren in den frühen Morgenstunden über den Zaun des Olympischen Dorfes geklettert, hatten das israelische Mannschaftsquartier überfallen, zwei Sportler getötet und neun Geiseln genommen. Die größte Sportveranstaltung der Welt war über Nacht zu einem Nebenkriegsschauplatz des israelisch-palästinensischen Konflikts geworden. Was für ein Ende unserer Reise! Ich wollte schon zu Hause meinen Kampfanzug und mein G3 holen, als Susi einfiel: “Du bist doch kein Schweizer!” Wo sie recht hatte, hatte sie recht.

Mitte der 1970er Jahre war ich mit Bahn und Schiff allein in Jugoslawien. Mein Ziel im Süden Kroatiens hieß Dubrovnik, die “Perle der Adria”. Die eigentliche Attraktion fand jeden Abend statt und war umsonst: auf der “Stradun”, der Hauptpromenade in der autofreien Altstadt lustwandelten Einheimische und Touristen nach dem Motto: “Sehen und gesehen werden.” Zum Anmachen wie geschaffen! Dieses Schaulaufen findet man in vielen mediterranen Touristenorten, aber nirgendwo sonst dominierten die Einheimischen so eindeutig. Nicht nur in Dubrovnik, auch in Mostar, der größten Stadt der Herzegowina, habe ich dieses Phänomen erlebt. Hier benutzten die hübschesten Frauen Jugoslawiens die Brücke über die Neretva, die heute die Stadt in einen kroatischen und einen bosniakischen Teil spaltet, als Laufsteg.

Im folgenden Sommer wollte ich ein paar Inseln im Ägäischen Meer kennenlernen. Über die bulgarische Zwischenstation Sofia landete ich in Athen. Nach einer kurzen Stadtbesichtigung machte ich mich auf nach Piräus. Ich besorgte mir ein Schiffsticket zur nächstgelegenen Kykla-deninsel, und kurze Zeit später befand ich mich “auf hoher See”. Auf Milos hätte ich aussteigen müssen. Doch daraus wurde nichts: ich war eingeschlafen. Auch an den Anlegestellen von Paros, Naxos und Mykonos bin ich stur und ohne gültigen Fahrschein auf dem Schiff geblieben. Erst als es abends “Endstation - alle aussteigen” hieß, gab es kein Zögern mehr: egal wie die Insel hieß, hier musste ich zumindest eine Nacht verbringen. Am nächsten Morgen erfuhr ich: die Insel hieß Samos.

Hörte sich gut an, vom Namen her. Also warum diese Insel nicht kennenlernen. Sie sollte sich als die grünste Insel herausstellen, die Griechenland zu bieten hat: kein Karst, keine Waldbrände, keine Hangabtragungen. Stattdessen Wälder, Wiesen, Ölbäume, Zitrusplantagen, Tabakfelder, Weinberge und überall Brunnen. Die einzige ägäische Insel mit Wasserüberschuss. “Schuld” ist ein 1400er Gipfel, der als Regenfänger fungiert. Kaum war ich drei Tage auf der Insel, fing es, mitten im mediterranen Hochsommer, tatsächlich an zu regnen. Ein unglaublicher Vorfall! Ich befand mich gerade auf einem Wald- und Wiesenspaziergang. Plötzlich und unerwartet winkte eine Hand aus einer der kleinen, igluförmigen Hütten auf einem Acker. Eine Einladung, mich unterzustellen. Im Unterschlupf war es stockdunkel; erst nach einer gewissen Zeit gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Schemenhaft sah ich eine griechische Bauernfamilie, die nur griechisch sprach. Ich verstand rein gar nichts. So nach einer halben Stunde - es regnete immer noch - fing das eine Mädchen an, Englisch mit mir zu spre-chen. Sie hätte sich nicht früher getraut, weil sie als Anfängerin nur “Broken English” spreche. Für mich hat's gereicht. Zwischendurch gab's ein Glas Wein, Fladenbrot, Feta und Oliven.

 Iberische Halbinsel & Balearen 

Zweimal fuhr ich mit dem Auto nach Spanien. Das erste Mal mit Conny und Bruno nach Nordspanien, das zweite Mal mit Conny nach Andalusien. Von Freiburg aus gelangten wir als Trio über die Pyrenäen nach Pamplona. Wir wussten nicht, dass gerade die gefährlichste Unsitte Spaniens stattfand. Im Juli werden morgens Stiere von ihren Ställen durch die Altstadtgassen zur Stierkampfarena getrieben. Bei diesem "Stierlauf" gelten die Regeln: kein Stehenbleiben oder Rückwärtslaufen, keine Stöcke, Tücher oder Zeitungen zum Lenken der Stiere, keine Schwangeren, keine Kinder. Die Polizei versucht, diese Regeln durchzusetzen und offensichtlich alkoholisierte Teilnehmer zu entfernen. Trotzdem werden jedes Jahr Teilnehmer verletzt oder getötet. Wir waren auf dem Balkon unseres Hotels in Sicherheit, mussten aber mit ansehen, wie ein Bulle einen Spanier auf die Hörnernahm und schwer verletzte, während die übrigen Verrückten von den Stieren davon rannten.

Im folgenden Frühjahr stand Südspanien auf dem Programm. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich die französischen Alleestraßen entlang gebrettert bin. Im Jahr zuvor wäre das nicht möglich gewesen. Bei Geschwindigkeiten über 70 km/h hätte Bruno Herzrasen und Schweißausbrüche bekommen. Conny war da ganz anders. Sie liebte Risiko und Abenteuer. Einmal wäre es jedoch fast schief gegangen. Als ich mit Höchstgeschwindigkeit überholte, kamen die linken Räder auf die Grasnarbe und der Wagen ins Schlittern. Wären die Räder in den Graben gerutscht, hätten wir uns überschlagen.

Wir fuhren die gesamte Mittelmeerküste ab bis nach Jerez de la Frontera, wo wir in einer Bodega bei einer Weinprobe verschiedene Sherrysorten testeten. Dazu aßen wir Tapas, köstliche Appetithäppchen mit Zamorano-Käse, Serrano-Schinken und Gambas mit Knoblauch. Nach einigen Gläschen fuhr eine Stretchlimousine vor, die Kellertür ging auf und herein kam - na - Moses, El Cid und Michelangelo in einer Person! Irre: uns gegenüber nahm Charlton Heston mit Gefolge Platz. “Ich glaub' mein Schwein pfeift”, denke ich, sage aber nur: “Porco mio”. Doch Conny glaubt, mich verbessern zu müssen. Mit ihrer ganzen Stimmgewalt platzt sie heraus: “Das heißt Porco Dio.” Womit hab ich das verdient? Ben Hur lächelte zu uns herüber und grüßte uns, verstanden hat er sie wohl nicht. Wahrscheinlich waren ihm nur meine Sandalen aufgefallen. Doch der strafende Blick eines Bediensteten sagte mir: “Zeit zu zahlen.”

Nach einer Rallye quer durch Spanien besuchten wir im südfranzösischen Carcassonne ein einziges Mal einen echten Stierkampf. Auf dem Weg zur Arena sangen wir noch wohlgemut das Torerolied des Escamillo aus Bizets Oper Carmen (oder war es doch von Heino?): “Auf in den Kampf, Tore-he-he-he-ro, stolz in der Brust, siegesbewusst ”. Allzu weit kamen wir aber nicht damit. Hätte es damals schon “Take me to the matador” gegeben, wären wir froh gewesen. Es fiel uns verdammt schwer, das Blutbad mit anzusehen. Meistens beobachteten wir als Übersprunghandlung die anderen, belustigten Zuschauer. Als ich gedankenlos doch einmal nach unten sah, passierte es: mit heroischer Ausholbewegung versetzte der Matador dem völlig entkräfteten Stier den Todesstoß in den Nacken. Widerlich! Westlich des Zentralmassivs fuhren wir durch Limoges.

Auf der Brücke Saint Martial, 500 Kilometer von Avignon am Unterlauf der Rhône entfernt, sangen wir: “Les beaux messieurs, les belles dames, les officiers, les petits bébés, les bons amis et les gamins font comme ça, et puis encore comme ça."

Angeheitert erreichten wir Orleans. Ich wollte endlich einmal die Jungfrau meiner Träume finden, doch das verhinderte Conny. Vielleicht war das sowieso nur eine Erfindung von Schiller. “Gab es nicht auch noch Jeanne d'Arc?”, fragte ich auf dem Weg nach Paris. Doch da fiel mir ein, dass diese Jungfrau ja bereits vor 555 Jahren oder so auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden war. Während ich über die mittelalterlichen Hexenverbrennungen sinnierte und mich in eine Hasstirade gegen die katholische Kirche hineinsteigerte, erreichten wir die französische Hauptstadt. Beim Shopping und Volltanking ging unser letztes Geld drauf. Die Tankfüllung reichte für die letzten 500 km bis in die Pfalz.

Schwer angesagt waren im vergangenen Jahrhundert die Baleareninseln Ibiza und Mallorca - allerdings in unterschiedlichen Kreisen. Nach den Hippies um 1970 herum zog es 10 Jahre später die etwas Betuchteren nach Ibiza. Dafür benötigte man mehrere Koffer mit Klamotten. Denn nach dem Hautkrebstest am Sandstrand während der ausgedehnten Siesta ging man auf sein Appartment, um sich in einer stundenlangen Prozedur auf das nächtliche Schaulaufen vorzubereiten. Dazu begab man sich abends im gleichnamigen Hauptort zunächst zu einem zentralen Treffpunkt zum Sehen und Gesehenwerden. Wenn man mehr sehen und gesehen werden wollte, musste man in die Megadiscos, die zum Teil für Tausende von Partyhungrigen Platz boten. Pacha, Ku oder Amnesia waren damals die großen Renner. Hier konnte man die Nacht zum Tage machen. Schlafenszeit war erst am frühen Morgen. So hatte jeder Tag, egal wie er hieß, seinen festen, unabänderlichen Rhythmus.

Um den selbigen nicht zu verlieren, flog ich 1987 mit Klaus nach Mallorca. In Palma mieteten wir uns einen Jeep und fuhren, entgegen dem Uhrzeigersinn, an der Küste entlang Richtung Osten. An den Sangria-Plastikeimern vom Ballermann 6 bis 60000 vorbei, erreichten wir bald die Ostküste. Hier reihen sich wie an einer Perlenkette viele kleine Naturhäfen und Sandstrände an der sonst felsigen Küste aneinander. Wir wollten einen großen Strand, ein preiswertes, ruhiges Appartement und ein paar Discotheken nicht allzu weit entfernt. Und tatsächlich: das fanden wir in Cala Millor und Cala Rajada. Wir hatten sogar die Qual der Wahl. Obwohl die Strände gut gefüllt waren - ich erinnere mich an eine kilometerweite Strandwanderung -, waren die Ortschaften selbst fast entvölkert, was ja im Grunde genommen auch kein Widerspruch ist. Das größte Problem für mich war, mir morgens die Zähne zu putzen, da Mattenklaus das Badezimmer stundenlang belegt hatte. Nicht zum Duschen! Nein, er musste sorgfältig seine verbliebenen Kopfhaare mit der täglichen Dosis bzw. Dose Haarspray so zu einer Betonfrisur aufbauen, dass sie zirka 16 Stunden hielt. Hinzu kam die Rasur der Achsel-, Bart- und Schamhaare. So etwas braucht seine Zeit. Wenn er fertig war, musste das Badezimmer allerdings noch eine Stunde gelüftet werden, so dass ich es nach ein paar Tagen vorzog, morgens erst einmal frühstücken zu gehen. Abends lief er dann zu großer Form auf. Die Aufgabe lautete, in Discotheken, die Eintritt verlangen, umsonst hineinzukommen. Aufgrund seines umfangreichen Repertoires an Sprüchen, Täuschungs- und Ablenkungsmanövern gelang ihm als routiniertem Akquisiteur dieses Kunststück immer wieder. Das war absolut beeindruckend. So konnte ich mich auf den unter der Woche ziemlich leeren Tanzflächen austoben und er die Bräute anmachen. So entwickelten wir unsere konfliktfreie Routine: ich war morgens am Strand, mittags im Badezimmer und nachmittags mit dem Jeep unterwegs, Klaus morgens im Badezimmer, mittags beim Frühstück und nachmittags am Strand. Abends trafen wir uns in einem Restaurant und fuhren zusammen in die Disco.

 Ceylon alias Sri Lanka 

Die eigentlichen Fernreisen zu fremden Kulturen brachten mich nach Südasien und in die Karibik. In den 1970ern erkundete ich Indien und Ceylon. Als mir Sandstrand und Sonne nach einer Woche zu langweilig wurden, fuhr ich mit dem Bus ins Hochland. Schlagartig veränderte sich die Witterung: wolkenverhangene Bergwälder und schwüle Witterung erinnerten mich daran, dass ich mich etwa auf dem siebten nördlichen Breitengrad befand, also mitten in den Tropen. Ich wollte wieder trockenere Luft atmen und fuhr weiter an die Nordostküste, nach Triconmalee, wo sich ein paar Taucher und Wellenreiter im Wasser verloren. Zum Glück gab es ein kleines Geschäft, das alle Artikel hatte, die leichtsinnige Touristen brauchen. So wurde abends eine junge, barfüßige Engländerin auf den Stufen zur Bar von einer Natter gebissen. Das richtige Antiserum stand sofort zur Verfügung, da es in dieser Gegend nur eine bissige Natter gäbe, wie rs hieß. Doch damit nicht genug. Drei Tage später brachte mir ein Surfer, das Wellenreiten bei. Nach zwei Stunden hatte ich die Schnauze und den Magen voll. Am Strand liegend, beobachtete ich, wie mein Teacher nicht genug kriegen konnte. Plötzlich passierte es: sein Surfbrett wurde in die Höhe geschleudert; er blickte nach oben, und das Gerät schnittt sich mit der scharfen Kante in seinen Hals. Er hat geblutet wie ein Schwein, als ich ihn aus dem Wasser gezogen hatte. Instinktiv drückte ich seine Halsschlagader gegen sein Schlüsselbein und schrie um Hilfe. Glücklicherweise konnte ihn ein Jeepfahrer ins Krankenhaus von Triconmalee fahren. Am nächsten Tag tauchte er schon wieder auf mit Halsverband: “Fleischwunde; musste genäht werden”, war sein Kommentar. Keine 24 Stunden vergingen, da kam schon die nächste Hiobsbotschaft: ein Taucher sei in einem Schiffswrack auf dem Meeresboden eingeklemmt worden und ertrunken. Am nächsten Tag verließ ich diesen verfluchten Ort.

Ein Jahr später war es wieder so weit: ein zweiter Ceylon-Aufenthalt war fällig. Kaum lag ich am Strand, ging es schon wieder los. Total zugedröhnt ging ein Bekiffter ins flache Wasser, immer weiter. Das Wasser stand ihm bis zum Hals. Niemand bemerkte ihn. Dann war er weg. Ich raste ins Wasser, kraulte so schnell ich konnte zu ihm hin, zog in an die Wasseroberfläche und aus dem Wasser. In der Aufregung war ich mir nicht mehr sicher: erst Herzmassage oder Mund-zu-Mund-Beatmung? Wo soll ich den Puls fühlen? Plötzlich schoben mich zwei deutsche Assistenzärzte aus Heidelberg zur Seite und machten sich professionell an die Wiederbelebung. Ein Schwall Salzwasser schoss aus dem Mund des Lebensmüden. Dann holte einer von beiden den Jeep, mit dem sie ihn zum nächsten Notarzt fuhren. Am nächsten Tag zog mich das Hochland wieder magisch an. Mit dem Bus fuhr ich wieder bis Kandy. Von hier aus wollte ich es einmal mit Autostop versuchen. So wanderte ich gemächlich an den Teeplantagen vorbei, als es schon wieder passierte. Urplötzlich. Ohne Ankündigung. Etwa 100 Meter vor mir scharten sich einige Ceylonesen um ein Auto. Als ich mich auf etwa 50 Meter genähert hatte, riefen einige Jungen etwas in meine Richtung und gaben mir Zeichen mich zu beeilen. Eine Mitfahrgelegenheit! Da fragt man nicht zweimal. Je näher ich kam, desto länger wurde das Auto: eine Stretchlimousine. Nüscht wie rin! Ein Priester begrüßte mich. Es war 11 Uhr. Wir fuhren ein halbe Stunde durch die Gegend. Dann hielt der Chauffeur an: Mittagessen - aber nur für den Priester. Nickknattertonmäßig kombinierte ich: wenn er nach den Regeln Buddhas lebt, darf er nach 12 Uhr Mittag nichts mehr essen. Wir fuhren weiter, stundenlang. Er besuchte ausgewählte Familien, wo es für ihn Tee und für den Chauffeur und mich vegetarische Spezialitäten gab.

Gegen Abend fragte er mich, ob ich mit in sein Kloster kommen wolle, wo ich übernachten könne. Nichts sprach dagegen. Ich willigte ein und lebte von dieser Nacht an 9 ½ Wochen in einem buddhistischen Kloster in Colombo. Der junge, vielleicht 28-jährige Meister war der Oberpriester der Insel. Jeden Vormittag brachte eine andere Familie kübelweise das Essen für ihn, seine zwei Schüler und mich. Ab 12 Uhr standen dann ein paar Bettler am Klosterzaun, die die Reste erhielten. Der Meister erkärte mir: Prister, Lehrer und Ärzte seien gleichberechtigt. Ich könne mich also im Kloster frei bewegen. Ich fing an mit Asanas, Pranayama und Tantra-Meditation. Bald bemerkte ich, dass mein Gastgeber stinkfaul war und nachmittags einen Tee nach dem andern trank, in dem er tonnenweise Zucker verrührte. Dann wollte er wissen, was ich für merkwürdige Übungen mache. Er hatte weder von Körperhaltungen, noch von Atemtechnik, noch von Meditation irgendeine Ahnung. Seine Schüler behandelte er wie Sklaven; das war mein erster Eindruck. Dann stellte ich jedoch fest, dass er an ihnen herumfummelte. Er war nicht nur schwul, er war auch noch ein Päderast. Und seine Schüler mussten tun, was er sagte, das hatten ihnen ihre Eltern befohlen. Nach sechseinhalb Wochen fielen mir die verwahrlosten Räumlichkeiten auf. Die Dusche funktionierte nicht und Wasser kam nur sehr spärlich aus der Leitung. Nach reiflicher Bedenkzeit entschloss ich mich zurückzufliegen. Beim Abschied versicherte mir der der Priester, ich könne jederzeit ins Kloster zurückkehren. Und wenn ich wieder käme, müsse ich ihm Joga beibringen, er wolle nämlich abnehmen. Ich gab ihm noch den Tipp, den ganzen Zucker nicht in den Tee, sondern ins Klo zu kippen und sah in dann nie wieder.

 Indische Union 

Von Ashrams in Indien hatte ich schon gehört: durch die Beatles vom Shivananda Ashram in Rishikesh, durch einen orange gekleideten Berliner Sannyasin vom Bhagwan-Ashram in Poona, durch das im Erdkunde-Seminar behandelte Stadtprojekt Auroville vom Sri Aurobindo Ashram in Pondicherry. Kurzfristig nahm ich einen Flug nach Bombay, dem heutigen Mumbai (Mumpitz!). Ich wollte in den Süden. Als der Busfahrer in Poona eine Pause einlegte, hatte ich die Erleuchtung: Hier lebt doch Bhagwan Shree Rajneesh - und von diesem Tag an auch ich. In den folgenden drei Wochen erlebte ich den Sommermonsun in den Westhats. Tagsüber hielt ich mich im Ashram auf, wo man essen und an Selbstfindungs-Workshops teilnehmen konnte. Nach dem Mittagessen regnete es ein paar Stunden, dann gab es Abendessen. Von Spiritualität keine Spur, eher eine große Jugendherberge mit Freizeitangebot. Wo war eigentlich der große, bereits mit 21 Jahren erleuchtete Meister? “Wenn du ihn sehen willst, musst du früh aufstehen”, erfuhr ich. Morgens um 6 Uhr - er litt an chronischer Schlaflosigkeit - hielt er eine Pedigt [“Discourse“]. Er sprach ein ruhiges, langsames, gut verständliches Englisch mit indischem Akzent und regelmäßigen Pausen. Wenn er in Form war, kam sein großer Humor zum Vorschein, und er erzählte Witze. Dann fuhr er mit einem seiner diversen Rolls Royce wieder zu seiner Villa. Chandra Mohan Jain, so sein bürgerlicher Name, lebte zurückgezogen, weil er neben Diabetes und Rückenproblemen unter Asthma litt. Aus diesem Grund fanden auch Geruchskontrollen statt. Wer nach Seife oder Parfum roch, durfte sich verabschieden. Seine leitenden Angestellten und Leibwächter, die weinrot gekleideten Securitysannyasins hatten alles im Griff.

Ich griff eines regnerischen Tages meinen Ruckack und fuhr weiter Richtung Süden. Aber erneut blieb ich auf halber Strecke hängen. Auf Straßenschildern hatte ich ???? und ???? gesehen. “Go?ya” und “Gov?” las ich. Das musste Goa, die ehemalige portugiesische Kolonie sein. Und als ich so wanderte am finstern Strand, traf ich doch tatsächlich einen Berliner Freak, den ich vom Tolstefanz her kannte. Wegen des Monsuns - es war Mitte Juni - wolle er ein halbes Jahr nach Kathmandu. In der Hauptstadt Nepals, in 1300 m Höhe, sei es trocken und da könne er auch seinen “Shit” [Haschisch-Vorrat] auffrischen. Südindien ist für viele Kenner das "echte" Indien. Denn hier hat sich die Jahrtausende alte drawidische Kultur erhalten, während in Nordindien viele Invasoren wie Arier, Perser, Griechen, Mongolen, Sarazenen immer wieder neue Einflüsse mitbrachten. Die meisten Sehenswüdigkeiten Nordindiens stammen aus dem späten Mittelalter, während die Kulturdenkmale des exotischen Südindien von einer viele 1000 Jahre alten Geschichte zeugen. Auch die Gegensätze zwischen arm und reich sind in Südindien längst nicht so krass wie im Norden. Die Bevölkerung hat einen deutlich höheren Bildungsstand und gute Englischkennisse.

Südlich an Goa grenzt der Bundesstaat Karnataka. Mit dem verlausten Bus landete ich mitten in der Nacht in Mangalore, wo ich einen Hindu-Tempel aufsuchte, mich auf den Boden setzte, an die Wand anlehnte und ganz tief meditierte. Doch ich hatte von meinem Freiburger Freund Vargis Chagalagal die Adresse von dessen Eltern. Sie wohnten an der Malabarküste, im Bundesstaat Kerala, zwischen Calicut [Kozhikode] und Cochin. Die Familie begrüßte mich herzlich. Vargis' Mutter verstand ich nicht, ihre Muttersprache war das drawidische Kannada. Doch der Vater sprach fließend Englisch. Wir gingen zum Essen in ein Restaurant, wo wir Hühnchen mit Curryreis bestellten. Fleisch??? Kein Problem: als Christen durften sie das selbstverständlich. Und ich musste keine bösen Blicke ertragen, weil ich zum Essen die falsche Hand benutze, denn wir aßen mit Stäbchen. Normalerweise essen die Inder mit der rechten Hand. Da man sich mit der linken Hand den Hintern abputzt, ist sie unrein und darf zum Essen nicht benutzt werden.

Nach drei Tagen begab ich mich über Salem nach Pondicherry in Tamil Nadu, wo ich den Sri Aurobindo Ashram kennen lernte, der viele Bildungs- und Kultureinrichtungen sowie mehrere Hotels unterhält, die über die Stadt verteilt sind. Drei Tage lang besuchte ich Veranstaltungen, Filmvorführungen und Lesungen und besichtigte die frankophile Stadt sowie Auroville, wo ökologisch orientierte Menschen aus aller Welt in einer spirituellen Gemeinschaft zusammenleben. An der Koromandelküste entlang erreichte ich nach ein paar Stunden das heiße, Tamil sprechende Madras mit seinem 13 Kilometer langen, stark verschmutzten Strand am Golf von Bengalen. Unzählige Rikscha-Opas rannten durch die Stadt und brachten jeden zuverlässig an sein Ziel. An Stelle eines schlechten Gewissens habe ich ein großzügiges Trinkgeld gegeben. Überall saßen unberührbare Mütter mit ihren Kindern auf den Trottoirs und bettelten. Einige hatten als Unterschlupf ein Wellblech oder Kartonpappe auf vier Stöcken befestigt. Hindus geben gerne eine Spende, da sie ihr Karma verbessert und die Chance erhöht, nach der Wiedergeburt in einer höheren Kaste zu landen. Als Kastenangehörige müssen sie dabei allerdings höllisch aufpassen, dass kein Schatten einer Unberührbaren, der sie befleckt, auf sie fällt. Sonst hilft nur eines: sich so schnell wie möglich unter einer Dusche wieder rein waschen. Gleichmäßig waren Slumviertel in der Stadt verstreut. Es gab Gassen, auch in anderen größeren Städten, wo mir abends - als Alternative zur Bettelei - für einige Rupien kleine Mädchen zum Sex angeboten wurden. Auch Überreste der Kolonialzeit konnte ich noch ausfindig machen. Als ich im Hauptbahnhof zweieinhalb Stunden auf ein Ticket warten musste, entdeckte ich einen Raum, der mit Büchern bis zur Decke komplett vollgepflastert war. Ich brauchte noch nicht einmal die Frage zu stellen. Ein Bahnbediensteter erklärte mir von sich aus auf Tamil-Englisch: “Die Engländer haben die Buchführung engeführt. Leider haben sie vergessen uns beizubringen, wie man die Bücher wieder los wird.” What a joke!

Mit dem Ticket in der Tasche legte ich dann die restliche Strecke ausschließlich mit der Bahn zurück. Nach Überquerung der Ostghats dann in Bangalore eine Belohnung: Auf einer Bühne stehen Bharatanatyam-Tänzerinnen minutenlang ohne den geringsten Wackler auf einem Bein, bewegen schlangenartig ihre Arme, verziehen ihre Gesichtsmuskeln zu einem rituellen Lächern, kreisen ihre Pupillen im 180°-Winkel in sämtliche Richtungen, verschieben horizontal ihren Kopf um einen De-zimeter ohne ihn abzuknicken und synchronisieren ihre Bewegungen mit der Musik und den Kolleginnen. Für mich eine Sensation, total professionell, Weltklasse. Auf der Strecke nach Hyderabad stieg ich unterwegs in einer Ortschaft aus, um einmal abseits jeglicher Touristenströme den ländlichen Raum auf mich einwirken zu lassen. Ich lernte ein typisches indisches Großdorf mit mehreren tausend Einwohnern und einer traditionellen Kastenstruktur kennen. Statt geteerter Straßen und Hochhäuser breite, matschige Wege und einfache Wellblechhütten, gelegentlich zweistöckige Häuser mit Flachdach. Die Kuhfladen wurden getrocknet und zum Heizen oder als Verputz und Isoliermaterial verwendet. Wasser aus dem Dorfbrunnen habe ich nicht getrunken, sondern mir, wie immer, eine originalverschlossene Flasche fabrikmäßig hergestellten Trinkwassers gekauft. Wo die Unberührbaren wohnten, fragte ich ein paar Kinder. Sie zeigten mir den Weg. Die Baracken befanden sich außerhalb des Dorfes, wo ein eigener Brunnen angelegt war. Selbstverständlich hatte ich keinerlei Berührungsängste und kam mit ein paar Jugendlichen ins Gespräch. Als erstes fiel mir ein hübsches Gesicht auf. Ob es aber einem Jungen oder Mädchen gehörte, war mir schleierhaft. “It is a hermaphrodite”, sagte einer. Ein unberührbarer Zwitter? Kurios!

In Hyderabad haute ich die letzten Rupienscheine auf den Kopf. Dabei fiel mir vor dem Laden ein hellhäutiger Inder mit Sonnenschirm und Besen auf. “Ein Jaina”, sagte der Verkäufer. Ich fragte ihn, wozu er den Besen benötigte. “Mit dem Sonnenschirm schützt er sich vor dem Schatten von Unberührbaren und mit dem Besen verhindert er, dass er seine eigene Großmutter tot tritt.” Hatte ich richtig verstanden oder hatte ich einen Sonnenstich? “I don't understand,” sagte ich gedankenverloren. “Hindus glauben, dass Verstorbene als Tiere wiedergeboren werden können”, erklärte er mir. “Wenn also seine Großmutter längst gestorben ist, kann sie mittlerweile als kleiner Käfer wiedergeboren worden sein.” Einleuchtend, allerdings kommen die Jainas auf diese Art und Weise wohl nur sehr langsam voran.

 Karibik 

Als ich halb so alt war wie heute flog ich mit Freya in die Karibik. Der Flug von London aus mit Zwischenstation in St. John's auf der kanadischen Insel Neufundland endete in Miami, der südlichsten und kriminellsten Großstadt Floridas. Mit einem Ticket zum Inselhüpfen flogen wir nach Montego Bay auf Jamaika. Am interessantesten war für uns die Nordküste. In Negril mit seinem elf Kilometer langen Sandstrand trafen sich Hippies bei Rick's Cafe, wo sich abends Wagenmutige, zu denen ich nicht gehörte, von den Felsklippen ins Meer stürzten. Wir begnügten wir uns mit einer Flussfahrt auf einem schmalen Floß an Marihuana-Feldern des Hochlandes vorbei, eine wacklige Angelegenheit, zumal der Flößer ziemlich bekifft war. Faszinierend - die allgegenwärtige exotische Mischung aus Filzlocken, Shit-Nebel und dröhnend lauter Reggae-Musik an allen Ecken und Enden. Ein Rastaman erklärte mir: “Jamaika besteht aus zwei Welten. Wir Rastafaris leben am liebsten inden Highlands, wo wir uns von Fisch und Bananen ernähren. High-Lands - zum Totlachen!!!. "Und Ganja", platze ich heraus. Er lächelte und fuhr fort: "Die Küstenregionen dagegen sind das sündige Babylon, wo der amerikanische Dollar regiert.”

Freya wollte unbedingt nach Haiti. Nicht wegen der dort herrschenden Armut. Nein, sie war scharf auf die bunten Gemälde aus Öl und Acrylfarben, die so ziemlich an jeder Ecke hingen. Ein ganzes Bündel mit zusammengerollten Bildern nativ-naiver haitianischer Maler durfte ich fortan durch die Gegend schleppe. Gut, dass überall Berge von unreifen Kokosnüssen herumlagen. Mit seiner Machete schlägt der Verkäufer einen Deckel ab, so dass man - angesichts der permanenten tropisch-schwülen Wetterlage - mit dem kühlen Fruchtwasser seinen Durst löschen kann. Unser preiswertes, aber vergammeltes Hotel stand direkt am zentralen Platz der Hauptstadt Port-au-Prince. Vom Balkon im zweiten Stock konnte man gut das Treiben der Einheimischen beobachten.

Ein vielleicht 11-jähriger Junge schaute ständig herauf zu mir. Wenn ich den Blick erwiderte, fing er an zu turnen. Nach zehn oder zwölf Handstützüberschlägen ging ich zu ihm. Nicht, dass ich ebenfalls meine turnerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte. Nein, ich suchte mit ihm die Hauptgeschäftsstraße auf, wo seine Lumpen, die er am Körper trug, durch neue Klamotten ersetzt wurden. Und wieder hatte ich ein gutes Werk getan! Dachte ich jedenfalls. Am nächsten Morgen wurde ich eines Besseren belehrt. Als ich auf dem Balkon frühstücken wollte, war er schon da. In seinen alten Lumpen überschlug er sich wieder. Ich wollte von ihm wissen, warum er nicht seine neuen Kleidungsstücke trage. “Die habe ich verkauft,” antwortete er mit seinem üblichen breiten Grinsen im Gesicht. Ich war sprachlos, er glücklich. Er hatte Geld nach Hause gebracht. Da begriff ich, dass Lebensmittel für ihn und seine Familie wichtiger waren als neue Kleider.

Nach einer Inselbesichtigung mit viel Armut und einigen Voodoo-Puppen flogen wir zur Erholung über Cap Haïien nach Nassau auf den Bahamas. Als ich nach einigen Tagen Planter's Punch nicht mehr von Piña Colada unterscheiden konnte, war sonnenklar: ich hatte mir das Drei-, Fünf- oder Sieben-Tage-Fieber eingefangen! Da Freya - unzutreffenderweise - von Malaria ausging, gab's nur ein Heilmittel: Abflug nach Hause in die Pfalz.

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