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Theater

Theater - richtiges Theater

Auszüge aus der Autobiografie "Erbrochenes" von Leon Haardt

Ja, es gibt sie, die geborenen Schauspieler; das Talent fließt mit ihrem Blut durch den Körper und infiziert alle Organe. Auch ich hatte schon immer einen Hang zum darstellenden Spiel, nicht nur auf den Brettern, die für fanatische Mimen die Welt bedeuten, sondern auch im wirklichen Leben.

Ob ich meine erste “echte” Rolle freiwillig übernahm, kann ich nicht mehr sagen. Es soll sich um ein Krippenspiel an Heiligabend im Rahmen eines Gottesdienstes gehandelt haben. Ich soll einen der drei heiligen Könige gespielt haben. Blass sind auch meine Erinnerungen an ein weihnachtliches Rollenspiel im Deutsch-Unterricht der 6. Klasse. "Von drauß' vom Walde komm ich her", so meine Ansage als Knecht Ruprecht. In der 7. Klasse ließ uns unsere Deutsch-Lehrerin Wilhelm Tell in verteilten Rollen lesen. Meine war die des miesen Reichsvogts Gessler. In einem Hohlweg lauerte mir Tell im vierten Aufzug mit den Worten auf: "Durch diese hohle Gasse muss er kommen. Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht." Mit einem Pfeil aus seiner Armbrust ermordete er mich. Damit war ich als Untoter im fünften Aufzug nur noch Zuhörer. Als Achtklässler durfte ich mit 'american accent' - ich hatte mich bei den in Kaiserslautern stationierten GIs infiziert - und einem Klassenkameraden 'Beggar' (Bettler) spielen. Auf dem Boden sitzend, baten wir um eine kleine Spende [“shilling or pence over the fence”]. Doch von hinten kam nur 'Plumpudding' über den Zaun geflogen. Als der Vorhang gefallen war, durften wir ihn sogar aufessen. Diese Aufführung fand anlässlich einer Mittlere-Reife-Feier im brechend vollen Edenkobener Kino statt.

Ein Jahr später, 9. Klasse, gleicher Anlass. Nach einem ungeahnten sozialen Aufstieg, verbunden mit einer 2000-jährigen Zeitreise in die Vergangenheit, war ich, mir nichts, dir nichts, ein römischer Hausherr. Ich trug eine weiße Tunika (ein ärmelloses Untergewand) und eine goldglänzende Toga (als Obergewand), die nur Freigeborenen erlaubt war. Als Pater familias stand ich meinem gesamten Haushalt vor, meiner Familie und den Sklaven. Doch ich verkörperte nicht das Ideal des treusorgenden Vaters, sondern einen Despoten mit der Rute in der Hand. Meine Lieblingsbeschäftigung war das Züchtigen der Slavinnen, die sich aber ständig vor mir versteckten. Obwohl das Publikum, Eltern, Schüler und Ehemalige des Edenkobener Progymnasiums, wahrscheinlich kein Wort verstanden hat - deswegen konnte ich auch die Lateinvokabeln beliebig verwechseln und vertauschen -, wurde diese Sandalen-Vorstellung mit großem Beifall bedacht.

Viertelstündige 'standing ovations' mit Zugabe-Rufen erlebte ich ein Jahr später. Der halbe Ort drückte mir anschließend vor Begeisterung die Hand. Bei der Einweihung des Edenkobener Gemeindehauses, dem Kurpfalzsaal, waren Elke Rühling und ich die Eltern eines Lausebengels. Über dessen Lausbubenstreiche beschwerten sich alle möglichen Leute bei uns. Das Zeugnis war eine Katastrofe: ich durfte es auf keinen Fall zu Gesicht bekommen. Doch da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Geschickt deckte ich das Versteckspiel auf, reagierte aber zu aller Überraschung - bis zu diesem Zeitpunkt spielte ich den strengen Vater - mit Verständnis und gestand, dass meine Zeugnisse damals auch nicht besser waren. Da war die Überraschung perfekt.

Bei einem kleinem Umtrunk nach dem offiziellen Teil der Feier der Mittleren Reife (heute "mittlerer Schulabschluss") wurde ich von Mitschülern aufgefordert, einen Oberlehrer zu persiflieren. Das ließ ich mir dreimal sagen und überlegte: wen kannst du bloß verspotten, ohne dass er dir ewig böse ist? Dann nahm ich unseren Lateinlehrer aufs Korn. Der war zwar irgendwo im Haus, hatte aber sicherlich schon zwei Promille im Blut und war daher das geeignetste Opfer, zumal er sehr leicht zu karikieren war: immer alkoholisiert und scharf auf naïve Schülerinnen. Unter einem kartoffelfarbenen Leinenwandschmuck mit der Parole: “non scholae sed vitae discimus" forderte ich die Klasse lallend auf: “Ruhe, ihr Teufelsbrut, sonst schreiben wir sofort eine Arbeit! Brigitte, zeig' mir deine Hausaufgabe.” Was ich schon immer vor hatte: endlich konnte ich sie einmal unter Vortäuschung falscher Tatsachen befummeln. Die Exklasse grölte, das teilweise anwesende Kollegium verstand nur Bahnhof, bis eine andere Schülerin schrie: “Herr Keller, darf ich auch mal an Sie ran.” Die anwesenden Lehrer lachten sich kaputt, die Lehrerinnen waren - milde ausgedrückt - entsetzt.

Auf einer Skireise in der 11. Klasse des Neusprachlichen Gymnasiums Landau war ich nicht mehr zu bremsen. Unter einer versteinerten Statue (ein Mitschüler) inszenierten wir ein schwules Oberstufenschülerpärchen auf einer Bank im Stadtpark. Das war an sich schon total lächerlich - und damals gesetzlich verboten! Doch die Statue fing an, Grimassen zu schneiden: zum Totlachen (mit 't'), auch wenn ich sie nicht sehen konnte und stattdessen todernst (mit 'd') bleiben musste.

Für den dritten Sketch aus der Reihe “Rolf Leonhard improvisiert” suchte ich mir unsere fünfte Abiturfete aus; private Abi-Partys waren wegen der Abwesenheit von Lehrern besonders beliebt. Eine farbige Abiturientin spielte spontan mit mir ein Liebesdrama. Doch die eigentliche Tragödie fand hinterher statt. Anstatt meiner ehemaligen Mitschülerin für ihre gelungene Improvisation zu gratulieren, schleppte ich sie ins nächste leere Zimmer und fiel über sie her. Das war ja auch der Grund, warum ich sie zum Mitspielen überredet hatte. Leider flog der ganze Schwindel auf und ich war der Blamierte. Zum Glück waren alle Partygäste mehr oder weniger alkoholisiert und allerlei von mir gewohnt, so dass dieser Schabernack eine flüchtige Episode hätte bleiben können. Tragischerweise wurde das Gerücht, ich hätte ernste Absichten, so glaubwürdig in die Welt gesetzt, dass meine Spielpartnerin bald auch davon überzeugt war. Als ich nicht in ihrem Sinne reagierte, beichtete sie einer Exlehrerin, ich hätte sie sexuell genötigt. Doch die Wahrheit ist: sie hätte mich sexuell benötigt. Es soll eine Anzeige gegen mich erstattet worden sein. Doch wurde ich noch nicht einmal verhört. Heutzutage hätte diese Affäire auch vor Gericht fortgesetzt werden können. Immerhin hatte ich bereits meine unbeherrschten Finger unter ihrem Rock.

Jahre später, als ich den Schock überwunden hatte, sprach mich Dieter Kümmel, seines Zeichens Schauspieler und Regisseur, in der Freiburger Uni-Mensa an und fragte mich, ob ich nicht Lust auf Jugend- und Kindertheater hätte. Woher kannte er meine Ambitionen? Sah ich vielleicht so aus? Woher kannte er mich überhaupt? Er lud mich zu einer Probe ins Wallgrabentheater ein. Den Begriff 'casting' kannte damals noch niemand. Auf der Bühne probten ein paar “junge Leute” mit ihrem Text in der Hand. Mein innerer Nick Knatterton sagt mir: “Kombiniere: die proben noch nicht lange und kennen ihren Text noch nicht. Du kannst einsteigen.” Nach einem viertelstündigen Test verkündete Kümmel laut und vernehmlich, sie hätten jetzt ein Mitglied mehr, das für eine Hauptrolle in Frage käme. Zwar wagte keiner, ihm zu widersprechen, doch sah ich einige verdutzte Gesichter, die mir sagten: “Wir dachten eigentlich, die Hauptrollen sind verteilt. Wer bist Du überhaupt?” Aber das war nun einmal Kümmels Art: keinen zu sehr in Sicherheit wiegen oder wie olle Heraklit zu sagen pflegte: “panta rhei” - alles ist im Fluss. Bald hatte man sich auf meine Rolle geeinigt. Zu besetzen war nur noch der Fernsehmann. Dafür war ich prädestiniert: Rolle mit wenig Text aus dem komischen Fach. Mit der Zeit erfuhr ich dann, dass die Mugnog-Kinder produziert werden sollten. Die Großstadtkinder Pam und Tom verleben ihre Ferien bei Tante und Onkel Mackepeter in der Kleinstadt. Weil es dort kein Spielzeug gibt, erfinden die Kinder den Mugnog, eine (fast) lebendige Holzkiste. Mit dem Satz "Der Mugnog hat gesagt..." wehren sie sich gegen unsinnige Ge- und Verbote.

Zwischenzeitlich versuchten wir mit Weihnachtstheater auf uns aufmerksam zu machen. Da ich als wenig ausgelasteter Student genug Zeit hatte, schlüpfte ich auf einer Bühne auf dem Münsterplatz in die Rolle eines Marktschreiers. Theaterdirektor war damals Heinz Meier. "Hab' ich den Namen nicht schon mal gehört?", wird sich mancher Leser fragen. Wer kennt ihn nicht: Deutschlands berühmtesten Lottogewinner, den Rentner , der mit 66 Jahren nach Island fährt, dort einen Gewinn von 500000 DM macht und dessen Tochter mit dem Papst eine Herren-Boutique in Wuppertal eröffnet.… Der legendäre Loriot-Sketch mit Meier in der Rolle des Erwin Lottomann, ääh Lindemann, gehört zu den Klassikern des Humors.

In Berlin sah ich mich aktiv nach Theatergruppen um. Eine Gruppe bestand aus getarnten Reichianern. Man praktizierte Charakteranalyse, Vegetotherapie und Orgonomie. Jeder Teilnehmer musste sein Innenleben nach außen stülpen, den ganzen Frust, der sich in ihm angesammelt hatte, auskotzen. Zum Kotzen, aber eine echte Herausforderung für einen Selbstdarsteller wie mich. Nach meiner Welturaufführung bin ich weiteren Treffen ferngeblieben. ...

In den folgenden Jahren hatte ich eine Hauptrolle in der Serie "Einmal Lehrer - immer Lehrer” an verschiedenen Berliner Schulen. An der Lilienthal-Oberschule, schaffte es die Leiterin des Oberstufenkurses “Darstellendes Spiel”, Ute Ledwon, in wochenlanger Überzeugungsarbeit, mich doch noch einmal auf die Theaterbühne zu zerren. Sie machte mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte. Im Zweiakter “Die Physiker” von Friedrich Dürrenmatt wurde für die Rolle des Oberwärters Uwe Sievers noch ein Superschwergewicht benötigt.

Hätte ich bloß nie “Ja” gesagt. Bald merkte ich, dass den KursteilnehmerInnen ein mitwirkender Lehrer nicht ganz geheuer war. Sie waren nicht in der Lage über ihren eigenen Schatten zu springen und haben die auf dem Mist ihrer Kursleiterin gewachsene Idee und damit auch mich innerlich abgelehnt. Bei den ersten drei Aufführungen ging noch alles gut, wenngleich mir auffliel, dass die Schüler sich immer weniger an ihren Text hielten. Da hatte ich eine andere Einstellung: entweder man macht ernsthaftes Theater oder Klamauk. Bei der vierten Aufführung in der brechend vollen Aula wollten die Schüler beides miteinander verbinden. Ich hatte mit allem nur Denkbaren gerechnet, aber nicht damit, im zweiten Akt plötzlich mit “Yeti” angesprochen zu werden. Hätte ich geahnt, was da auf mich zukommt, wäre ich an diesem Abend gleich als Schneemensch mit Fell aufgetreten. Aber mitten in der Vorstellung das Genre wechseln von der Krimikomödie zum Slapstick - das gibt's nur bei Dilettanten, also an Gymnasien. Widerwillig ließ ich mich, nachdem der letzte Vorhang gefallen war, zur Schlussverbeugung auf die Bühne zerren und schwor mir: nie wieder irgendein Projekt mit Schülern. Daran habe ich mich bis heute gehalten.

(Fortsetzung folgt: siehe "Reiseberichte")

Leon B. Haardt wie man ihn kennt: immer auf Achse

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